Einer der insgesamt 44 KZ-Häftlinge, die im KZ Dachau 1944 zu Salzwasser-Trinkversuchen unter der Verantwortung der DGIM-Mitglieder Wilhelm Beiglböck und Hans Eppinger herangezogen wurden, war der aus Bremen stammende Rudolf Franz. Er wird als Hausdiener, aber auch als Melker bezeichnet.1 Der evangelische Sinto findet sich in den Akten denunzatorisch als „Arbeitsscheu Reich“ und „Zigeuner“ registriert.2 Franz wurde am 8. März 1943 in Bremen festgenommen und ins KZ Auschwitz (Häftlingsnummer Z-2074) verbracht; im August 1944 wurde er von Auschwitz nach Dachau (Häftlingsnummern 91159, 49539) und schließlich im Dezember 1944 nach Buchenwald (Häftlingsnummer 74738) überführt.3
Der Historiker Hans Hesse hat über die Zeit von Rudolf Franz in Auschwitz-Birkenau, wo er sich vor seinem Transport nach Dachau befand, geforscht. In seiner Zusammenfassung heißt es auf der Basis von erhalten gebliebenen Aufzeichnungen Franz':
„Drei Transporte mit Sinti und Roma aus Nordwestdeutschland verließen ab dem 8. März 1943 Bremen, wo die Menschen zuvor auf dem Schlachthof festgehalten worden waren. [...] In dem 'Zigeunerfamilienlager' wurde der junge Mann [...] zusammen mit seiner Familie in eine der Baracken eingepfercht. Die ersten Wochen habe es kein Wasser gegeben, berichtete er. Sie hätten sich mit blauer Kaffee- bzw. Teebrühe waschen müssen. Sie seien alle am Arm tätowiert worden, kahlgeschoren, zu Nummern geworden. Sie hätten alte, stinkige Decken bekommen, später dann Strohsäcke. Die Klosettbaracke sei menschenunwürdig gewesen. Ein jüngeres Kind sei erschreckt in der tiefen Grube umgekommen; es sei eine teuflisch erdachte Erfindung gewesen. [...]
Der junge Sinto musste in der Krankenbaracke arbeiten. Die Erlebnisse dort waren für ihn ein traumatischer Schock: die Kranken hätten wie Tiere vegetieren müssen, alle seien nackt herumgelaufen, die Geschlechter durcheinander, abgemagert, die Kinder mit großen Augen vorm Verhungern. In dieser Baracke hätten etwa 5–400 erkrankte Menschen (mit Krätze, Wassersucht, Phlegmone), meist zum Skelett abgemagert, elendig existieren müssen. Nackt auf bzw. unter schmierigen Decken liegend, mit eitrigen Beulen, zur Unkenntlichkeit aufgeschwemmt; mit ihren hohlen Blicken, einst gesunde Menschen, die auf das erlösende Ende gewartet hätten. Läuse, Flöhe, Gestank, Chlorkalkgeruch. Es habe keine ärztliche Behandlung gegeben. Medikamente seien nicht dagewesen. Krankenpflege habe nicht existiert. Er habe allenfalls vom Kot reinigen können, mit Wasser Kranke erfrischt, Fieberirre aufs Lager zurückgebracht, zu beruhigen versucht, Verstorbene dann morgens aus den Boxen gezerrt und in den Leichenschuppen gebracht. Er habe gezittert vor Ekel und innerer Ergriffenheit. [...]
Zweimal wöchentlich seien die Leichen mit einem LKW zu Verbrennungsöfen gebracht worden; sie hätten mitunter im Scheinwerferlicht aufladen müssen, 150 Menschen zu zweit, nackte Knochengestelle aufgeschichtet, mitunter auch Verwandte mit starren Augen gefunden. [...]
Durch Zufall habe er seine Mutter in traurigem Zustand in der Krankenbaracke wiedergefunden, mit Lumpen am Körper, sie habe ihn nicht erkannt. Er habe ihr unter Mithilfe einer Ärztin eine bessere Liegestatt verschafft, Wäsche und andere Decken; so habe er sie am Leben erhalten können, als er die Nachtwache im Block gewesen sei.
Sein ganzes Leben quälten ihn die Erinnerungen an seine Erlebnisse in Auschwitz-Birkenau. Nach dem Tod seiner Mutter unternahm er einen Suizidversuch. Über 20 Jahre kämpfte er um die Anerkennung seiner Verfolgungstraumata. Schlussendlich attestierte ihm das Bremer Landgericht 'ein aus den Erlebnissen der Verfolgung entstandenen psychisch-reaktiven, weitgehend irreversiblen Persönlichkeitswandel, der sich in schweren Depressionen und Kontaktstörungen sowie neurovegetativer Labilität und organ-neurotischen Veränderungen äußert'.“4
Rudolf Franz nannte sich später Rudolf Schmidt, nach dem Geburtsnamen seiner Mutter Rosa Schmidt.5
Das Humanexperiment
Die Salzwasser-Trinkversuche im KZ Dachau standen unter direkter Verantwortung des DGIM-Vorsitzenden Hans Eppinger und seines Assistenten Wilhelm Beiglböck, später auch DGIM-Mitglied. Bei einer wichtigen Vorbesprechung war auch der Berliner Pharmakologe Wolfgang Heubner, ebenfalls DGIM-Mitglied, anwesend.
Schließlich stimmte SS-Chef Heinrich Himmler den Humanexperimenten mit KZ-Häftlingen zu.6 40 Roma und Sinti mit der Häftlingsbezeichnung ASR („Arbeitsscheu Reich“) wurden in der Folge als Versuchspersonen aus Buchenwald nach Dachau verbracht. Hinzu kam eine zweite Gruppe, die aus vier bereits in Dachau inhaftierten Sinti bestand. Höhere Zahlenangaben sind wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass einige ursprünglich vorgesehene Versuchspersonen aufgrund ihres Gesundheitszustandes ausgemustert wurden.7
Beiglböck berichtete während des Nürnberger Ärzteprozesses, zunächst hätten sämtliche Versuchspersonen zehn Tage lang „volle Fliegerverpflegung“ (3000 Kalorien) erhalten. Anschließend habe eine Gruppe hungern und dürsten müssen, während die anderen Gruppen die Seenotverpflegung der Luftwaffe hätten essen dürfen. Eine Gruppe musste täglich einen halben Liter Meerwasser mit dem Zusatzstoff Berkatit trinken, eine weitere einen ganzen Liter. Eine andere Gruppe hatte das gemäß dem IG-Farben-Verfahren behandelte Seewasser zu trinken. Eine Kontrollgruppe durfte gewöhnliches Trinkwasser in beliebiger Menge zu sich nehmen.8
Der Zeitzeugenbericht von Karl Höllenreiner
Einer der 40 aus Buchenwald nach Dachau verlegten KZ-Häftlinge, Karl Höllenreiner, schilderte 1947 den Versuch aus Opferperspektive: „Gruppe 2 erhielt nur chemisch präpariertes Seewasser, welches eine dunkel-gelbe Farbe hatte und bestimmt noch viel schlimmer war als reines Seewasser. […] Ich gehörte zu Gruppe 2. [...] Der Doktor der Luftwaffe war immer anwesend, während das Wasser getrunken wurde. […] Während dieser Experimente hatte ich furchtbare Durstanfälle, fühlte mich sehr krank, verlor stark an Gewicht und zum Schluss bekam ich Fieber und fühlte mich so schwach, dass ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. [...] Ich erinnere mich noch genau an eine Szene, wo ein tschechoslowakischer Zigeuner den Doktor der Luftwaffe gebeten hat, dass er unmöglich noch mehr Wasser trinken könnte. Dieser tschechoslowakische Zigeuner wurde daraufhin auf Anordnung von dem Doktor der Luftwaffe an ein Bett festgebunden, der Doktor der Luftwaffe goss diesem Zigeuner persönlich mittels einer Magenpumpe gewalttätig das Seewasser herunter. Während der Experimente erhielten die meisten Zigeuner Leber- und Rückenmarkpunktionen. Ich selbst habe eine Leberpunktion erhalten und weiß aus meiner eigenen Erfahrung, dass diese Punktionen furchtbar schmerzhaft waren. Noch heute, wenn das Wetter wechselt, fühle ich starke Schmerzen, wo die Leberpunktion durchgeführt wurde. Alle Leber- sowie Rückenmarkpunktionen wurden von dem Doktor der Luftwaffe persönlich durchgeführt. [...] Auf Befehl des Doktors der Luftwaffe wurden zwei tschechischen Zigeunern [sic], welche sich etwas frisches Wasser beschafft hatten, zur Strafe während der weiteren Durchführung der Experimente ständig auf ihren Betten mit Stricken festgebunden gehalten. Die meisten Zigeuner bekamen Wahnsinnsanfälle […]. Wenn solche Anfälle in Gegenwart des Doktors der Luftwaffe geschahen, lachte dieser nur ironisch und wenn es ihm zu schlimm wurde, gab es Leberpunktionen, worauf der Betroffene etwas ruhiger wurde. Niemand wurde jemals von den Experimenten befreit, nachdem er einen solchen furchtbaren Anfall mitgemacht hat. Ungefähr zwischen der ersten und zweiten Woche der Experimente wurden alle Zigeuner auf Tragbahren mit weißen Tüchern überdeckt aus dem Krankenzimmer heraus in den Hof getragen. Hier wurden die nackten Körper fotografiert in der Anwesenheit des Doktors der Luftwaffe, welcher die ironische Bemerkung machte, daß die Leute lachen sollten, damit die Bilder freundlicher aussehen würden. Kurz nach den Aufnahmen wurden uns Nummern auf die Brust tätowiert. Diese Tätowierung wurde von dem Doktor der Luftwaffe persönlich durchgeführt. Er benutzte dazu eine chemische Flüssigkeit, welche entsetzlich brannte. […] Von den ursprünglich 40 hat einer, wie bereits erwähnt, die Versuche nur wenige Tage mitgemacht. Drei waren so dem Tode nah, dass man sie am selben Abend auf Tragbahren, mit weißen Tüchern abgedeckt, herausgetragen hat. Von diesen drei habe ich niemals wieder etwas gehört.“9
Eindeutige Belege für den Tod von Menschen „während der Experimente oder in deren Folge“ sind bislang nicht aufgefunden worden.10 Drei der während des Humanexperiments Malträtierten starben jedoch noch in der NS-Zeit.11