Medizinisches Unrecht

Rudolf Franz (später Schmidt)

geb. am 10.10.1922 in Bremen
gest. am 02.02.2009

Einer der insgesamt 44 KZ-Häftlinge, die im KZ Dachau 1944 zu Salzwasser-Trinkversuchen unter der Verantwortung der DGIM-Mitglieder Wilhelm Beiglböck und Hans Eppinger herangezogen wurden, war der aus Bremen stammende Rudolf Franz. Er wird als Hausdiener, aber auch als Melker bezeichnet.1 Der evangelische Sinto findet sich in den Akten denunzatorisch als „Arbeitsscheu Reich“ und „Zigeuner“ registriert.2 Franz wurde am 8. März 1943 in Bremen festgenommen und ins KZ Auschwitz (Häftlingsnummer Z-2074) verbracht; im August 1944 wurde er von Auschwitz nach Dachau (Häftlingsnummern 91159, 49539) und schließlich im Dezember 1944 nach Buchenwald (Häftlingsnummer 74738) überführt.3

Der Historiker Hans Hesse hat über die Zeit von Rudolf Franz in Auschwitz-Birkenau, wo er sich vor seinem Transport nach Dachau befand, geforscht. In seiner Zusammenfassung heißt es auf der Basis von erhalten gebliebenen Aufzeichnungen Franz':

„Drei Trans­por­te mit Sin­ti und Roma aus Nord­west­deutsch­land ver­lie­ßen ab dem 8. März 1943 Bre­men, wo die Men­schen zu­vor auf dem Schlacht­hof fest­ge­hal­ten wor­den wa­ren. [...] In dem 'Zi­geu­ner­fa­mi­li­en­la­ger' wur­de der jun­ge Mann [...] zu­sam­men mit sei­ner Fa­mi­lie in eine der Ba­ra­cken ein­ge­pfercht. Die ers­ten Wo­chen habe es kein Was­ser ge­ge­ben, be­rich­te­te er. Sie hät­ten sich mit blau­er Kaf­fee- bzw. Tee­brü­he wa­schen müs­sen. Sie sei­en alle am Arm tä­to­wiert wor­den, kahl­ge­scho­ren, zu Num­mern ge­wor­den. Sie hät­ten alte, stin­ki­ge De­cken be­kom­men, spä­ter dann Stroh­sä­cke. Die Klo­sett­ba­ra­cke sei men­schen­un­wür­dig ge­we­sen. Ein jün­ge­res Kind sei er­schreckt in der tie­fen Gru­be um­ge­kom­men; es sei eine teuf­lisch er­dach­te Er­fin­dung ge­we­sen. [...]

Der jun­ge Sin­to muss­te in der Kran­ken­ba­ra­cke ar­bei­ten. Die Er­leb­nis­se dort wa­ren für ihn ein trau­ma­ti­scher Schock: die Kran­ken hät­ten wie Tie­re ve­ge­tie­ren müs­sen, alle sei­en nackt her­um­ge­lau­fen, die Ge­schlech­ter durch­ein­an­der, ab­ge­ma­gert, die Kin­der mit gro­ßen Au­gen vorm Ver­hun­gern. In die­ser Ba­ra­cke hät­ten etwa 5–400 er­krank­te Men­schen (mit Krät­ze, Was­ser­sucht, Phleg­mo­ne), meist zum Ske­lett ab­ge­ma­gert, elen­dig exis­tie­ren müs­sen. Nackt auf bzw. un­ter schmie­ri­gen De­cken lie­gend, mit eit­ri­gen Beu­len, zur Un­kennt­lich­keit auf­ge­schwemmt; mit ih­ren hoh­len Bli­cken, einst ge­sun­de Men­schen, die auf das er­lö­sen­de Ende ge­war­tet hät­ten. Läu­se, Flö­he, Ge­stank, Chlor­kalk­ge­ruch. Es habe kei­ne ärzt­li­che Be­hand­lung ge­ge­ben. Me­di­ka­men­te sei­en nicht da­ge­we­sen. Kran­ken­pfle­ge habe nicht exis­tiert. Er habe al­len­falls vom Kot rei­ni­gen kön­nen, mit Was­ser Kran­ke er­frischt, Fie­ber­ir­re aufs La­ger zu­rück­ge­bracht, zu be­ru­hi­gen ver­sucht, Ver­stor­be­ne dann mor­gens aus den Bo­xen ge­zerrt und in den Lei­chen­schup­pen ge­bracht. Er habe ge­zit­tert vor Ekel und in­ne­rer Er­grif­fen­heit. [...]

Zwei­mal wö­chent­lich sei­en die Lei­chen mit ei­nem LKW zu Ver­bren­nungs­öfen ge­bracht wor­den; sie hät­ten mit­un­ter im Schein­wer­fer­licht auf­la­den müs­sen, 150 Men­schen zu zweit, nack­te Kno­chen­ge­stel­le auf­ge­schich­tet, mit­un­ter auch Ver­wand­te mit star­ren Au­gen ge­fun­den. [...]

Durch Zu­fall habe er sei­ne Mut­ter in trau­ri­gem Zu­stand in der Kran­ken­ba­ra­cke wie­der­ge­fun­den, mit Lum­pen am Kör­per, sie habe ihn nicht er­kannt. Er habe ihr un­ter Mit­hil­fe ei­ner Ärz­tin eine bes­se­re Lie­ge­statt ver­schafft, Wä­sche und an­de­re De­cken; so habe er sie am Le­ben er­hal­ten kön­nen, als er die Nacht­wa­che im Block ge­we­sen sei.

Sein gan­zes Le­ben quäl­ten ihn die Er­in­ne­run­gen an sei­ne Er­leb­nis­se in Ausch­witz-Bir­ken­au. Nach dem Tod sei­ner Mut­ter un­ter­nahm er ei­nen Sui­zid­ver­such. Über 20 Jah­re kämpf­te er um die An­er­ken­nung sei­ner Ver­fol­gungs­t­rau­ma­ta. Schluss­end­lich at­tes­tier­te ihm das Bre­mer Land­ge­richt 'ein aus den Er­leb­nis­sen der Ver­fol­gung ent­stan­de­nen psy­chisch-re­ak­ti­ven, weit­ge­hend ir­re­ver­si­blen Per­sön­lich­keits­wan­del, der sich in schwe­ren De­pres­sio­nen und Kon­takt­stö­run­gen so­wie neu­ro­ve­ge­ta­ti­ver La­bi­li­tät und or­gan-neu­ro­ti­schen Ver­än­de­run­gen äu­ßert'.“4

Rudolf Franz nannte sich später Rudolf Schmidt, nach dem Geburtsnamen seiner Mutter Rosa Schmidt.5 

Das Humanexperiment

Die Salzwasser-Trinkversuche im KZ Dachau standen unter direkter Verantwortung des DGIM-Vorsitzenden Hans Eppinger und seines Assistenten Wilhelm Beiglböck, später auch DGIM-Mitglied. Bei einer wichtigen Vorbesprechung war auch der Berliner Pharmakologe Wolfgang Heubner, ebenfalls DGIM-Mitglied, anwesend.

Schließlich stimmte SS-Chef Heinrich Himmler den Humanexperimenten mit KZ-Häftlingen zu.6 40 Roma und Sinti mit der Häftlingsbezeichnung ASR („Arbeitsscheu Reich“) wurden in der Folge als Versuchspersonen aus Buchenwald nach Dachau verbracht. Hinzu kam eine zweite Gruppe, die aus vier bereits in Dachau inhaftierten Sinti bestand. Höhere Zahlenangaben sind wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass einige ursprünglich vorgesehene Versuchspersonen aufgrund ihres Gesundheitszustandes ausgemustert wurden.7

Beiglböck berichtete während des Nürnberger Ärzteprozesses, zunächst hätten sämtliche Versuchspersonen zehn Tage lang „volle Fliegerverpflegung“ (3000 Kalorien) erhalten. Anschließend habe eine Gruppe hungern und dürsten müssen, während die anderen Gruppen die Seenotverpflegung der Luftwaffe hätten essen dürfen. Eine Gruppe musste täglich einen halben Liter Meerwasser mit dem Zusatzstoff Berkatit trinken, eine weitere einen ganzen Liter. Eine andere Gruppe hatte das gemäß dem IG-Farben-Verfahren behandelte Seewasser zu trinken. Eine Kontrollgruppe durfte gewöhnliches Trinkwasser in beliebiger Menge zu sich nehmen.8

Der Zeitzeugenbericht von Karl Höllenreiner

Einer der 40 aus Buchenwald nach Dachau verlegten KZ-Häftlinge, Karl Höllenreiner, schilderte 1947 den Versuch aus Opferperspektive: „Gruppe 2 erhielt nur chemisch präpariertes Seewasser, welches eine dunkel-gelbe Farbe hatte und bestimmt noch viel schlimmer war als reines Seewasser. […] Ich gehörte zu Gruppe 2. [...] Der Doktor der Luftwaffe war immer anwesend, während das Wasser getrunken wurde. […] Während dieser Experimente hatte ich furchtbare Durstanfälle, fühlte mich sehr krank, verlor stark an Gewicht und zum Schluss bekam ich Fieber und fühlte mich so schwach, dass ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. [...] Ich erinnere mich noch genau an eine Szene, wo ein tschechoslowakischer Zigeuner den Doktor der Luftwaffe gebeten hat, dass er unmöglich noch mehr Wasser trinken könnte. Dieser tschechoslowakische Zigeuner wurde daraufhin auf Anordnung von dem Doktor der Luftwaffe an ein Bett festgebunden, der Doktor der Luftwaffe goss diesem Zigeuner persönlich mittels einer Magenpumpe gewalttätig das Seewasser herunter. Während der Experimente erhielten die meisten Zigeuner Leber- und Rückenmarkpunktionen. Ich selbst habe eine Leberpunktion erhalten und weiß aus meiner eigenen Erfahrung, dass diese Punktionen furchtbar schmerzhaft waren. Noch heute, wenn das Wetter wechselt, fühle ich starke Schmerzen, wo die Leberpunktion durchgeführt wurde. Alle Leber- sowie Rückenmarkpunktionen wurden von dem Doktor der Luftwaffe persönlich durchgeführt. [...] Auf Befehl des Doktors der Luftwaffe wurden zwei tschechischen Zigeunern [sic], welche sich etwas frisches Wasser beschafft hatten, zur Strafe während der weiteren Durchführung der Experimente ständig auf ihren Betten mit Stricken festgebunden gehalten. Die meisten Zigeuner bekamen Wahnsinnsanfälle […]. Wenn solche Anfälle in Gegenwart des Doktors der Luftwaffe geschahen, lachte dieser nur ironisch und wenn es ihm zu schlimm wurde, gab es Leberpunktionen, worauf der Betroffene etwas ruhiger wurde. Niemand wurde jemals von den Experimenten befreit, nachdem er einen solchen furchtbaren Anfall mitgemacht hat. Ungefähr zwischen der ersten und zweiten Woche der Experimente wurden alle Zigeuner auf Tragbahren mit weißen Tüchern überdeckt aus dem Krankenzimmer heraus in den Hof getragen. Hier wurden die nackten Körper fotografiert in der Anwesenheit des Doktors der Luftwaffe, welcher die ironische Bemerkung machte, daß die Leute lachen sollten, damit die Bilder freundlicher aussehen würden. Kurz nach den Aufnahmen wurden uns Nummern auf die Brust tätowiert. Diese Tätowierung wurde von dem Doktor der Luftwaffe persönlich durchgeführt. Er benutzte dazu eine chemische Flüssigkeit, welche entsetzlich brannte. […] Von den ursprünglich 40 hat einer, wie bereits erwähnt, die Versuche nur wenige Tage mitgemacht. Drei waren so dem Tode nah, dass man sie am selben Abend auf Tragbahren, mit weißen Tüchern abgedeckt, herausgetragen hat. Von diesen drei habe ich niemals wieder etwas gehört.“9

Eindeutige Belege für den Tod von Menschen „während der Experimente oder in deren Folge“ sind bislang nicht aufgefunden worden.10 Drei der während des Humanexperiments Malträtierten starben jedoch noch in der NS-Zeit.11


Quellennachweise

Arolsen Archives, KZ-Dokumente Rudolf Franz, Entdecke die Dokumente der Arolsen Archives | 01010607 078 - Dokumente mit Namen ab FRANK, Sigmund | 01010607 078 - Dokumente mit Namen ab FRANK, Sigmund | 01010607 078 - Dokumente mit Namen ab FRANK, Sigmund.Paul Weindling, „Unser eigener ‚österreichischer Weg‘“: Die Meerwasser-Trinkversuche in Dachau 1944, in: Herwig Czech/Paul Weindling, Österreichische Ärzte und Ärztinnen im Nationalsozialismus, Wien 2017 (= Jahrbuch des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes 2017), S. 133–177, S. 170 (www.doew.at). Ebd. wird ein falsches Geburtsdatum angegeben. Auch die Berufsbezeichnung Künstler und ein Bezug zu Wien finden in anderen Quellen keine Bestätigung. Siehe auch: victims.auschwitz.org/victims/71378. - Für wertvolle Hinweise auf Quellen und Literatur ist Frau Silke Lehsten zu danken.Arolsen Archives, KZ-Dokumente Rudolf Franz, Suche in Dokumenten der Arolsen Archives | DE ITS 1.1.6 - Konzentrationslager Dachau | 01010503 001.130.413 - Akte von FRANZ, RUDOLF, geboren am 10.10.1922.Hans Hesse, Ru­dolf Schmidt – Ein Au­gen­zeu­ge be­rich­tet über das „Zi­geu­ner­fa­mi­li­en­la­ger“ in Ausch­witz-Bir­ken­au, in: Rudolf Schmidt – Ein Augenzeuge berichtet über das „Zigeunerfamilienlager“ in Auschwitz-Birkenau | Spurensuche-Bremen, einges. 23.7.2025. Vgl. Hans Hesse, "Mein Leben habe ich Auschwitz opfern müssen", in: Frankfurter Rundschau, 17./18.12.2022, S. W 8.Arolsen Archives, DocID 5885892, https://collections.arolsen-archives.org/de/document/5885892; siehe auch Staatsarchiv Bremen, 4.54 E 2627. Vgl. StAB 4.54 E 2627 - Schmidt, früher Franz, Rudo... - Arcinsys DetailseiteVgl. Alexander Mitscherlich/Fred Mielke, Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses, 18. Aufl. Frankfurt am Main 2012, S. 80.Vgl. ausführlich Weindling, Weg, S. 147 f.; Ralf Forsbach/Hans-Georg Hofer, Internisten in Diktatur und junger Demokratie. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin 1933–1970, Berlin 2018, S. 157 ff.Archiv des Vogelsang-Instituts Wien, Nachlass Gustav Steinbauer, Fragen und Antworten Beiglböck; vgl. Mitscherlich/Mielke, Medizin, S. 81.Höllenreiner am 17. Juni 1947 während des Nürnberger Ärzteprozesses, hier zit. n. Ernst Klee, Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer, 4. Aufl. Frankfurt am Main 1997, S. 247 ff. – Vgl. ebd. weitere Beiglböck belastende Aussagen auch anderer Zeugen. Vgl. auch die Darstellung in Weindling, Weg, S. 147 ff.Weindling, Weg, S. 135; vgl. ebd., S. 153.Vgl. Weindling, Weg, S. 155; Paul Weindling, Victims and Survivers of Nazi Human Experiments. Science and Suffering in the Holocaust, London u.a. 2015. S. 134.