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Emigration

Samson Hirsch

geb. 17.11.1890 Hannover
gest. 02.10.1960 Rom/Italien

Mitglied der DGIM 1922 bis 1938

Samson Raphael Hirsch war der Sohn des jüdischen Arztes Raphael Hirsch und dessen Ehefrau Lina, geb. Löwenthal.1 Sein Urgroßvater und Namensvetter war der Reformrabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1880), der als Begründer der Neo-Orthodoxie bekannt wurde. Seine Tante, die Internistin Rahel Hirsch (1870–1953) und ebenfalls emigriertes DGIM-Mitglied, erlangte als eine der ersten deutschen Ärztinnen den Professorentitel. Auch Samson Hirschs jüngerer Bruder Julius (1892–1962) studierte Medizin und wurde ein anerkannter Ordinarius für Mikrobiologie und Hygiene in Istanbul.2

Hirsch zog nach dem frühen Tod seines Vaters nach Frankfurt am Main und besuchte dort ab 1901 das Kaiser-Friedrich-Gymnasium. 1909 bestand er das Abitur und begann ein Medizinstudium in Heidelberg. Nach Stationen in München und Berlin wurde er 1914 in Heidelberg approbiert und mit einer Arbeit über neurasthenische Symptome bei chronischer Bleivergiftung unter Ludolf von Krehl (1861–1937) im selben Jahr promoviert.3

Hirschs Approbation fiel mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zusammen, sodass er zunächst als Militärarzt tätig war.

Wissenschaftliches Neuland

Nach Kriegsende nahm Hirsch eine Stelle als Oberarzt in der Inneren Abteilung am Frankfurter Städtischen Krankenhaus Sandhof an. Parallel wurde er Mitarbeiter am Institut für Pharmakologie der Universität Frankfurt und übernahm dort die Leitung der Röntgenabteilung. In dieser Zeit entstanden zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, darunter 1922 die international erste Studie, die eine erfolgreiche klinische Anwendung von Theophyllin bei Asthma bronchiale nachweisen konnte.4 In einer weiteren wegweisenden Studie konnte er 1923 gemeinsam mit Joseph Berberich unter Einsatz von Strontiumbromid die erstmals erfolgreiche Durchführung einer Angiographie am Lebenden demonstrieren.5

Später ließ sich Hirsch in Frankfurt am Main als Facharzt für Innere Erkrankungen nieder. Zwischen 1927 und 1933 war er außerdem als Gutachter für die Reichsversicherungsanstalt für Angestellte und für die Berufungsinstanz der Kriegsbeschädigtenfürsorge tätig.6 Gemeinsam mit seiner Frau Erna, geb. Falk (*1903) wohnte er in der Brentanostraße 14.

Flucht und Leben im Exil

Ab 1933 sah sich Hirsch mit Repressionen durch die Nationalsozialisten konfrontiert. Er verlor seine Anstellung als Gutachter und wurde in der Folge auch aus dem Krankenhaus entlassen. 1938 entschied er sich – wohl unter dem Eindruck der zum 30. September 1938 angeordneten Aberkennung der Approbation – zur Emigration nach Belgien. Am 19. März 1940 wurde ihm aufgrund von § 2 des „Gesetzes über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit vom 14.07.1933“ die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen.7

Als Belgien 1940 von den Truppen der Wehrmacht besetzt wurde, musste das Ehepaar Hirsch untertauchen. Beide überlebten und blieben auch nach Kriegsende in Belgien. 1945 ließ sich Hirsch in Brüssel nieder und war dort als Arzt, Wissenschaftler und Publizist tätig; u.a. erhielt er eine Anstellung am Pathologischen Institut der Universität Brüssel.8 Die mehr als 50 Publikationen, die seitdem entstanden, zeugen von einer hohen Forschungsaktivität auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Hirschs wissenschaftliches Interessens- und Schaffensgebiet war breit gestreut; sein Schwerpunkt lag im Bereich der Kardiologie und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Weitere Interessen galten insbesondere der Philosophie und der Musik. Hirsch war überdies Mitglied der Bnei-Briss-Loge und zeitweilig Präsident der Hermann-Cohen-Loge in Frankfurt; später in Belgien wirkte er zwischen den Logen als Verbindungsmann.9

Kurz vor seinem 70. Geburtstag verstarb Hirsch während eines Aufenthalts in Rom, wo er den 3. Europäischen Kardiologenkongress besuchte.


Quellennachweise

Vgl. (hier und im Folgenden, sofern nicht anders vermerkt) Renate Heuer/Siegbert Wolf, Die Juden der Frankfurter Universität, Frankfurt a. M. 1997, S. 417–418; G.[erhard] Schultze-Werninghaus/J.[ürgen] Meier-Sydow, The Clinical and Pharmacological History of Theophylline. First Report on the Bronchospasmolytic Action in Man by S. R. Hirsch in Frankfurt (Main) 1922, in: Clinical Allergy 12 (1982), S. 211–215.Vgl. Dietrich von Engelhardt (Hg.), Biographische Enzyklopädie deutschsprachiger Mediziner, Bd. 1, Frankfurt a. M. 2002, S. 283.Vgl. Samson Hirsch, Über neurasthenische Symptome und chronische Blei-Vergiftung, Diss. med. Heidelberg 1914; Samson Hirsch, Ueber die Neurasthenie der Bleikranken, in: Deutsche Medizinische Wochenschrift 40 (1914), S. 382–385.Vgl. Samson Hirsch/Walter Alwens, Klinischer und experimenteller Beitrag zur krampflösenden Wirkung der Purinderivate, in: Klinische Wochenschrift 1 (1922), S. 615–618; Charles D. May, History of the Introduction of Theophylline into the Treatment of Asthma, in: Clinical Allergy 4 (1974), S. 211–217.Vgl. Joseph Berberich/Samson Hirsch, Die Röntgenographische Darstellung der Arterien und Venen am Lebenden Menschen, in: Klinische Wochenschrift 2 (1923), S. 2226–2228; René van Tiggelen, The Rise of Contrast-enhanced Roentgenology. An Illustrated and Chronological Overview, in: Journal of the Belgian Society of Radiology 100 (2016), S. 1–9.Vgl. Joseph Walk, Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918–1945, München u.a. 2014 (Reprint), S. 155.National Archives and Records Administration (NARA), Washington, DC, Name Index of Jews Whose German Nationality Was Annulled by the Nazi Regime (Berlin Documents Center); Record Group: 242, National Archives Collection of Foreign Records Seized, 1675–1958; Record Group ARC ID: 569; Publication Number: T355; Roll: 4, Hartmann, Margarethe – Kapp, Hildegard.Archives, patrimoine et réserve précieuse de l‘Université de Bruxelles (Auskunft per E-Mail 26.2.2021).Vgl. Paul Arnsberg, Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution, Darmstadt 1983, S. 202–203.

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