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Emigration

Georg Klemperer

geb. 10.05.1865 Landsberg an der Warthe
gest. 25.12.1946 Boston

Mitglied der DGIM 1895 bis 1940

 

Georg Klemperer gehörte zu den prägendsten Mitgliedern der DGIM in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er war der Sohn des Reformrabbiners Wilhelm Klemperer, der ältere Bruder des Literaturwissenschaftlers Victor Klemperer und des Internisten Felix Klemperer sowie der Vetter des Dirigenten Otto Klemperer. Georg Klemperer selbst ist durch seine reformorientierte Arbeit im Krankenhaus Moabit bekannt geworden. Hier wirkte er seit 1906 als Chefarzt.1 Es zählt zu seinen Erfolgen, dass die I. Innere Abteilung Klemperers und die von Moritz Borchardt geleitete I. Chirurgische Abteilung 1919 durch ministerielle Verfügung zur IV. Berliner Universitätsklinik erhoben wurde.2

Prägende Persönlichkeit der DGIM

Von 1914 bis 1921 gehörte Klemperer dem DGIM-Vorstand an. 1921 war er DGIM-Vorsitzender. Zuvor hatte er bereits als Mitglied des Ausschusses (1906–1910) und des Arzneimittelausschusses die Geschicke der Gesellschaft bestimmt.3

Klemperer stand 1932 neben dem Vorsitzenden im Zentrum der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des ersten Kongresses für Innere Medizin. Er hatte aus diesem Anlass eine 164-seitige, eng bedruckte Geschichte der DGIM verfasst und wurde im Jubiläumsjahr zum Ehrenmitglied ernannt.4

Entzug der Venia legendi

In Moabit war sein Arbeitsvertrag über das reguläre Pensionsalter von 67 Jahren hinaus bis zum 31. März 1933 verlängert worden. Noch vor der Berufung seines Nachfolgers Victor Schilling wurde anschließend sein Vertrag aufgrund der neuen Machtverhältnisse nicht – wie zuvor allgemein erwartet – neuerlich verlängert.5 In den berühmt gewordenen Tagesbüchern seines Bruders Victor findet Georg Klemperer immer wieder Erwähnung. Georg berichtet im Mai 1933 davon, dass, wenn man gewollt hätte, ihn hätte „halten können“.6 Aber man entließ ihn nicht nur, er verlor auch explizit seine Venia legendi. Darüber hinaus durfte er die Herausgeberschaft der von ihm mitgeprägten Zeitschrift „Therapie der Gegenwart“ und des Handwörterbuchs „Neue Deutsche Klinik“ nicht weiterführen.7

Lebensabend in den USA

Der Pensionär half zunächst seinen Kindern, im Ausland Anstellungen zu finden. Sein 1899 geborener Sohn Otto arbeitete im Herbst 1933 bereits im Cavendish-Laboratorium Cambridge, ein anderer Sohn, der Nationalökonomie studiert hatte, war nach Chicago gezogen.8 Im Januar 1934 schienen auch die anderen beiden Söhne in Sicherheit. Georg Klemperer selbst plante, sich „im Sommer irgendwo in Süddeutschland niederzulassen“.9 Zum 1. April 1934 mietete er, nunmehr „vereinsamt und verbittert“ eine Wohnung in Freiburg, reiste dann aber häufig durch Europa und die USA, zu Patienten und zu seinen Söhnen.10 Er gab Deutschland als Wohnsitz auf, ging – anders als sein in Dresden lebender Bruder Victor – auch emotional auf Abstand zu seiner Heimat.11 Im Oktober 1935 teilte er seine Auswanderung mit und meldete sich im März darauf aus Boston.12 Anders als von ihm erhofft hielt sich die Harvard University streng an die 65-Jahr-Altersgrenze, so dass sich der 71-Jährige immer mehr ins Privatleben zurückzog. 1943 erschien freilich noch ein spanisches Lehrbuch, an dem er maßgeblich mitgearbeitet hatte und von seinem in Deutschland erfolgreichen, von 1890 bis 1931 in 26 Auflagen publizierten internistischen Lehrbuch profitierte.13

„Für den sehr lebhaften ärztlichen Wettbewerb“ in den USA fühlte sich Klemperer „nicht mehr frisch genug“, schrieb an seinen Erinnerungen und erwartete „mit Gleichmut das Ende“.14 Die schwermütigen Phasen wechselten mit solchen der Aktivität. Von Newtonville in Massachusetts reiste er zu den Familien seiner Söhne, die alle dem „Inferno germanico entronnen“ waren.15

Verstärkte Erinnerung seit der Jahrtausendwende

Den in Dresden zurückgebliebenen Bruder Victor unterstützte er finanziell und suchte für ihn eine Arbeitsmöglichkeit außerhalb Deutschlands.16 Im Oktober 1937 verlor Georg Klemperer seine Frau Maria, die auf einer Europareise in Meran starb.17 Sein eigener Tod neun Jahre später wurde in Deutschland kurz nach Kriegsende kaum wahrgenommen.18 Nachdem sich eine 2001 und 2003 veröffentlichte Dissertation mit Klemperer befasst hatte, verleiht seit 2007 die Berliner Ärztekammer eine „Georg-Klemperer-Ehrenmedaille“.19 Ebenfalls seit 2007 wird von der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin im Rahmen der Kongresse „Ernährung – Diätetik – Infusionstherapie“ („edi“) eine Georg-Klemperer-Ehrenvorlesung gehalten.20

 


Quellennachweise

1 Zu biographischen Details vgl. ausführlich Ulrike Wolf, Leben und Wirken des Berliner Internisten Georg Klemperer (1865–1946), Aachen 2003, S. 3 ff., zur Tätigkeit in Moabit ebd., S. 20 ff.

2 Vgl. Wolf, Leben, S. 11 u. S. 33.

3 Vgl. Verhandlungen der DGIM, Bd. 45 (1933), S. XIII, zum Arzneimittelausschuss Wolf, Leben, S. 110.

4 Georg Klemperer, 50 Jahre Kongress für Innere Medizin 1882–1932, Berlin 1932.

5 Vgl. Wolf, Leben, S. 11 ff. u. S. 37 f.

6 Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, 5. Aufl. Berlin 1996, S. 29, 22.5.1933.

7 Vgl. Wolf, Leben, S. 110.

8 Vgl. Klemperer, Zeugnis, S. 60, 9.10.1933 und S. 79, 16.1.1934.

9 Vgl. Klemperer, Zeugnis, S. 80, 16.1.1934.

10 Klemperer, Zeugnis, S. 82, 27.1.1934; vgl. ebd., S. 110, 13.6.1934; ebd., S. 202, 30.5.1935.

11 Vgl. Klemperer, Zeugnis, S. 110, 13.6.1934; S. 202, 30.5.1935; S. 206, 20.6.1935.

12 Vgl. Klemperer, Zeugnis, S. 224, 19.10.1935; S. 252, 23.3.1935.

13 Georg Klemperer/Bernardo Clariana/Pedro Domingo Sanjuán, Tratamiento de las enfermedades internas con atención a su profilaxis y pronóstico, La Habana 1943; Georg Klemperer, Grundriss der klinischen Diagnostik, Berlin 1890. Vgl. Wolf, Leben, S. 110.

14 Klemperer, Zeugnis, S. 268, 30.5.1936.

15 Vgl. Klemperer, Zeugnis, S. 313, 10.10.1936.

16 Vgl. Klemperer, Zeugnis, S. 206, 20.6.1935; S. 369, 26.7.1937; S. 423, 11.9.1938; S. 426, 2.10.1938; S. 470, 20.4.1939; S. 592, 25.4.1941.

17 Vgl. Klemperer, Zeugnis, S. 383, 27.10.1937.

18 Vgl. Wolf, Leben, S. 110.

19 Vgl. Wolf, Leben; https://www.aerztekammer-berlin.de/50ueberUns/50_Auszeichnungen/04_Klemperermedaille/index.html, einges. 15.6.2020.

20 Vgl. http://www.idw-online.de/de/news199010, einges. 15.6.2020.

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