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Emigration

Otto Loewi

geb. 03.06.1873 Frankfurt am Main
gest. 25.12.1961 New York

Mitglied der DGIM 1911 bis 1933

Otto Loewi war der Sohn des jüdischen Weinkaufmanns Jakob Loewi und dessen Ehefrau Anna, geb. Willstädter. Ab 1879 besuchte er die Woehlerschule (Volksschule) in Frankfurt am Main und wechselte 1882 auf das humanistische Goethe-Gymnasium, an dem er am 4. September 1891 das Abitur ablegte.1

Loewi begann im selben Jahr auf Wunsch seiner Eltern ein Medizinstudium an der Kaiser-Wilhelm-Universität in Straßburg, wo er zunächst vor allem Vorlesungen der Kunstgeschichte, Architektur und Theoretischen Philosophie besuchte. Nach dem Physikum wechselte er zum Wintersemester 1893/94 nach München. Ein Jahr später ging er zurück nach Straßburg und entschied sich, unter dem positiven Eindruck der von Bernhard Naunyn (1839–1925) gehaltenen Vorlesungen und Kurse, eine Karriere in klinischer Medizin anzustreben. 1896 legte er das Staatsexamen ab und wurde im selben Jahr unter Oswald Schmiedeberg (1838–1921) mit einer experimentell-pharmakologischen Arbeit über die Wirkung von Blausäure, Arsen und Phosphor am isolierten Froschherzen zum Dr. med. promoviert.2 Im Rahmen seiner Doktorarbeit kam er in Kontakt mit Wissenschaftlern wie Oskar Minkowski (1858–1931), Walter Straub (1874–1944), Arthur Cushny (1866–1926), Karl Spiro (1896–1932) und Franz Hofmeister (1850–1922), durch die sein Interesse an pharmakologischen und biochemischen Fragestellungen gefördert und gebahnt wurde. 1896 begann Loewi ein Studium der Chemie unter Martin Freund (1863–1920) am Biochemischen Institut der Universität Frankfurt, das er bei Hofmeister in Straßburg fortsetzte.

Stationen der universitären Laufbahn

1897 trat Loewi eine Stelle als Assistenzarzt in der Inneren Medizin unter Carl von Noorden (1858–1944), Spezialist für Stoffwechselerkrankungen und Ernährungstherapie, am Städtischen Krankenhaus in Frankfurt am Main an. Die dortigen Erfahrungen bewogen ihn, sich anstelle einer klinischen Tätigkeit der medizinischen Grundlagenforschung resp. der klinischen Pharmakologie und Stoffwechselforschung zu widmen. Bereits nach einem Jahr wechselte er an die Philipps-Universität nach Marburg und wurde dort wissenschaftlicher Assistent bei Hans Horst Meyer (1853–1939), dem Leiter des Pharmakologischen Instituts. Hier habilitierte er sich am 19. November 1900.3

1902 ging Loewi für mehrere Monate an das renommierte Institut des Physiologen Ernest Starling (1866–1927) nach London, um sich dort in wissenschaftlicher Methodik und Labortechniken weiterzubilden und Kontakte in die britische Wissenschaft zu knüpfen. Dort lernte er auch Henry Hallet Dale (1875–1968) kennen, mit dem zusammen er später den Nobelpreis erhalten und darüber hinaus in engem wissenschaftlichen und freundschaftlichen Kontakt stehen sollte.

1904 wurde Loewi in Marburg zum außerordentlichen Professor ernannt und übernahm zum 1. November die kommissarische Leitung des Pharmakologischen Instituts. Ein Jahr später, nachdem Meyer nach Wien berufen worden war, wechselte er ebenfalls dorthin. In dieser Zeit arbeitete er vor allem mit Alfred Froehlich (1871–1953) zusammen und begann Forschungen über das Nervensystem. 1909 nahm Loewi schließlich einen Ruf als Ordinarius für Pharmakologie an die Karl-Franzens-Universität in Graz an. Er blieb bis 1938 auf diesem Lehrstuhl; zahlreiche Angebote anderer Universitäten lehnte er ab.

Indes hatte Loewi neben der deutschen auch die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen. 1908 heiratete er Guida Henrietta Goldschmiedt (1889–1958), Tochter des in Prag und Wien wirkenden Ordinarius für Chemie Guido Goldschmiedt (1850–1915), die er im Jahr zuvor während seines jährlichen Urlaubs in Pontresina (Schweiz) kennengelernt hatte. Das Paar bekam drei Söhne und eine Tochter, Hans (*1909), Anna (*1911), Viktor (*1913) und Guido (*1915). Die Familie bekannte sich zu ihrer jüdischen Identität, war aber nicht religiös und galt als assimiliert.4

1932 entschieden sich die DGIM unter dem Vorsitz von Paul Morawitz (1879–1936) und die Deutsche Pharmakologische Gesellschaft unter dem Vorsitz von Otto Loewi für eine gemeinsame Durchführung ihrer Jahreskongresse in Wiesbaden. Der Gemeinschaftskongress fiel ins 50. Gründungsjahr der internistischen Fachgesellschaft. Als erstes Hauptthema wurden Kreislaufwirkungen körpereigener Stoffe ausgewählt; Referent war neben Franz Volhard (1872–1950) Sir Henry Dale aus London.5

Wissenschaftliche Entdeckungen und Nobelpreis 1936

Loewis Forschungsinteressen waren breit angelegt. Internationale Anerkennung erlangte er erstmals mit einer 1902 publizierten Studie, in der er die Fähigkeit des Körpers, Proteine aus Aminosäuren aufzubauen, demonstrieren konnte.6 Er schuf damit wichtige Grundlagen für die ernährungswissenschaftlichen Arbeiten von Frederick G. Hopkins (1861–1947), dem Entdecker der Vitamine und Nobelpreisträger von 1929.

Im Frühjahr 1921 konnte Loewi mithilfe an Froschherzen durchgeführter Experimente nachweisen, dass die Übertragung von Nervenimpulsen auf den (Herz-)Muskel chemisch erfolgt.7 Dazu reizte er den Vagusnerv eines in Kochsalzlösung eingelegten Froschherzens und transferierte die Kochsalzlösung auf ein denerviertes Froschherz, welches daraufhin, einer Vagusreaktion entsprechend, verlangsamte. Damit bestätigte sich die theoretisch etablierte, jedoch bis dato umstrittene Forschungshypothese einer chemischen Übertragung von Nervenimpulsen auf den Muskel.

Nach eigenen Aussagen war Loewi die Idee zum Experiment Ostern 1921 im Traum gekommen und hatte ihn, noch halb übernächtigt, zu einer direkten Umsetzung ab den frühen Morgenstunden verleitet.8 Die von ihm zunächst als „Vagusstoff“ bezeichnete chemische Überträgersubstanz wurde von Henry Dale als Acetylcholin identifiziert. Damit war der erste Neurotransmitter gefunden und bestimmt. Für ihre Entdeckungen zur chemischen Weiterleitung von Nervenimpulsen wurden beide Forscher 1936 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin geehrt.

Verfolgung, Enteignung und Zwang ins Exil

Mit dem „Anschluss“ Österreichs an den deutschen NS-Staat wurden Loewi und seine beiden jüngeren Söhne am 12. März 1938 gemeinsam mit zahlreichen weiteren jüdischen Bürgern in Graz für knapp zwei Monate in „Schutzhaft“ genommen. Seine Entlassung wurde an die Bedingung geknüpft, dass er sich verpflichtete, das Land binnen zwei Monaten freiwillig zu verlassen.9 In seinem fachlichen Umfeld wurde Loewis Entrechtung und Inhaftierung rasch bekannt. Aus dem Ausland, vor allem aus Großbritannien und Schweden, gingen zahlreiche Schreiben von Kollegen nach Graz, um eine Freilassung Loewis zu erwirken.10 Der Berliner Pharmakologe Wolfgang Heubner (1877–1857) äußerte sich am 24. April 1938 öffentlich als Gastgeber der 14. Tagung der Deutschen Pharmakologischen Gesellschaft im Langenbeck-Virchow-Haus in einer vielbeachteten Rede mit den Worten: „So werden viele Seelen davon berührt, wenn Unglück hereinbricht über einen hervorragenden Entdecker weitreichender Zusammenhänge.“11

Die Universität Graz versetzte Loewi Ende Mai 1938 in den vorläufigen Ruhestand. Als Nachfolger sollte der Innsbrucker Ordinarius Adolf Jarisch (1891–1965) auf seinen Lehrstuhl berufen werden, der jedoch ablehnte.12 Loewi bat um die Erlaubnis zur Emigration und durfte wenige Monate später unter der Auflage, im Ausland keine wissenschaftliche Tätigkeit auszuüben, ausreisen. Des Weiteren zwang ihn die Gestapo, sein aus der Verleihung des Nobelpreises stammendes Preisgeld an eine von den Nationalsozialisten kontrollierte Bank zu überweisen. Der gesamte Grundbesitz wurde enteignet.13

Am 28. September 1938 floh Loewi nach England und kam für einige Wochen bei Henry Dale unter, bis er auf Einladung der belgischen Fondation Francqui eine Gastprofessur am Pharmakologischen Institut unter Leo Zunz an der Université Libre in Brüssel erhielt. Er blieb jedoch nur für ein Semester, da er nach einem Urlaub in England im Folgejahr wegen des nun entfachten Zweiten Weltkriegs nicht nach Belgien zurückkehren konnte. Stattdessen nahm er eine Forschungsstelle bei James Andrew Gunn (1882–1958) am Nuffield Institute for Medical Research in Oxford an.

1940 wurde Loewi eine auf Lebenszeit angelegte Forschungsprofessur am Pharmakologischen Institut der New York University College of Medicine unter George B. Wallace (1874–1948) angeboten. Er akzeptierte und erreichte New York am 1. Juni 1940, zwei Tage vor seinem 67. Geburtstag. Anfang des Jahres 1941 kam Ehefrau Guida nach. Sie hatte bis dahin Österreich nicht verlassen dürfen. Erst nach Abschluss des Zwangsenteignungsverfahrens wurde ihr die Ausreise als „mittellose Jüdin“ gewährt. Die Kinder des Ehepaars Loewi waren bereits zu früheren Zeitpunkten ausgewandert, so Tochter Anna mit ihrem Mann, dem Chemiker Ulrich Weiss (1908–1989), über Umwege in die USA, Sohn Viktor nach Argentinien, Sohn Guido nach Kanada und Sohn Hans zunächst nach Peru und dann ebenfalls in die USA.14

„Neue Heimat“ Amerika

Am 1. April 1946 erhielt Loewi die amerikanische Staatsbürgerschaft und war bis zu seinem Tod 1961 in New York ansässig (mind. temporär 155 East 93 Street). Zahlreiche Gastvorlesungen führten ihn in die verschiedenen Landesteile der USA. Zur besonderen Heimat wurde für ihn Woods Hole in Massachusetts. Hier verbrachte er mit seiner Frau den jährlichen Sommerurlaub und erfreute sich eines intensiven Austausches mit Kollegen und Studierenden an der Meeresbiologischen Forschungsstation. Nach seinem Tod in New York 1961 wurde Loewi im August 1962 seinem Wunsch gemäß in Woods Hole beigesetzt.

Loewi war nicht nur wissenschaftlich bis ins hohe Alter sehr aktiv, er blieb auch zeitlebens rege interessiert an Kunst(geschichte), Musik und Theater. Bei den Gesellschaften, zu denen das Ehepaar Loewi sehr gerne einlud, waren regelmäßig auch Künstler, Musiker und Literaten zu Gast.

Mitgliedschaften, Ehrungen, Nachrufe

Loewi war (Ehren-)Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften und Akademien, darunter der Physiological Society London, der Deutschen Gesellschaft für Pharmakologie und Physiologie, der Harvey Society New York und der Società Italiana di Biologia Sperimentale sowie der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Royal Societies London und Edinburgh und der American Academy for Pharmacology and Experimental Therapeutics.

Viele Universitäten verliehen ihm die Ehrendoktorwürde, so New York, Yale, Graz und Frankfurt am Main. Seit 1923 durfte er den Titel „Hofrat“ führen. Loewi erhielt – neben weiteren Auszeichnungen – zweimalig das österreichische Große Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst (1936, 1959), den Ignaz-Lieben-Preis (1924), den Cameron Prize der University of Edinburgh (1944), die Schmiedeberg-Plakette der Deutschen Gesellschaft für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie (1957) und den Ehrenring der Stadt Graz (1959).

Nachrufe erschienen in großer Zahl. Auf dem Jahreskongress der DGIM 1962, deren Mitglied Loewi bis 1933 war, würdigte Tagungspräsident Ferdinand Hoff (1896–1988) ihn mit den Worten: „Ein unmenschliches System hatte auch diesen großen Gelehrten zur Emigration gezwungen. Vor nicht allzu langer Zeit konnte ich unvergeßliche Stunden mit ihm in New York verbringen und mich an seiner abgeklärten Weisheit, in der er sich ohne Verbitterung zur deutschen Wissenschaft bekannte, erfreuen. Er war ein Großer der medizinischen Wissenschaft.“15

Namensgebung

Otto Loewi firmiert als Namensgeber unter anderem für das Forschungszentrum für Gefäßbiologie, Immunologie und Entzündung in Graz und die 2017 gegründete Otto Loewi Gesellschaft zur Erforschung der Erkrankungen des autonomen Nervensystems mit Sitz in Innsbruck. Seit 2018 vergibt die Neurowissenschaftliche Gesellschaft in vierjährigen Turnus die Otto-Loewi-Medaille an herausragende Wissenschaftler auf dem Gebiet der Neurowissenschaften.


Quellennachweise

Vgl. (hier und im Folgenden, sofern nicht anders gekennzeichnet) Fred Lembeck, Wolfgang Giere, Otto Loewi. Ein Lebensbild in Dokumenten, Biographische Dokumentation und Bibliographie, Berlin 1968; H[enry] H[allet] Dale, Otto Loewi †, in: Reviews of Physiology, Biochemistry and Pharmacology 52 (1962), S. 1–19; Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Curriculum Vitae Prof. Dr. Otto Loewi, einsehbar unter: www.leopoldina.org/fileadmin/redaktion/Mitglieder/CV_Loewi_Otto_D.pdf (einges. 1.4.2021).Otto Loewi, Zur quantitativen Wirkung von Blausäure, Arsen und Phosphor auf das isolierte Froschherz, Diss. med. Straßburg 1896; Otto Loewi, Zur quantitativen Wirkung von Blausäure, Arsen und Phosphor auf das isolierte Froschherz, in: Naunyn-Schmiedebergs Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie 38 (1896), S. 127–138.Otto Loewi, Untersuchung über den Nucleinstoffwechsel, Habil. Marburg 1900.USC Shoah Foundation, Zeitzeugeninterview mit Anna Weiss geb. Loewi, aufgenommen am 22.10.1996 in Bethesda, Maryland, USA, einsehbar unter: vhaonline.usc.edu/viewingPage (einges. 20.5.2021).Vgl. Henry Dale, Über Kreislaufwirkungen körpereigener Stoffe, in: Verhandlungen der deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, 44. Kongress (1932), S. 17–29.Vgl. Otto Loewi, Über Eiweißsynthese im Thierkörper, in: Naunyn-Schmiedebergs Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie 48 (1902), S. 303–330; Hale 1962, S. 3.Vgl. Otto Loewi, Über die humorale Übertragbarkeit der Herznervenwirkung. I. Mitteilung, in: Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Thiere 189 (1921), S. 239–242; Otto Loewi, Über die humorale Übertragbarkeit der Herznervenwirkung. II. Mitteilung, in: Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Thiere 193 (1922), S. 201–213.Vgl. Otto Loewi, Autobiographical Sketch, in: Perspectives in Biology and Medicine 4 (1960), S. 17 (ebenfalls abgedruckt in Lembeck/Giere, Lebensbild).USC Shoah Foundation, Zeitzeugeninterview Anna Weiss.USC Shoah Foundation, Zeitzeugeninterview Anna Weiss.Wolfgang Heubner, Eröffnungsansprache, in: Naunyn-Schmiedebergs Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie 190 (1938), S. 25–29, hier: S. 27. Am Tag darauf notierte Heubner in seinem Tagebuch: „Eröffnungssitzung der 14. Tagung der Deutschen pharmakologischen Gesellschaft im Langenbeck-Virchow-Haus. […] Ich sprach ziemlich ernst, erwähnte auch O. Loewis Schicksal (Inhaftierung) verblümt. Viele Leute […] sprachen mir ihre Anerkennung aus.“ Archiv der Deutschen Gesellschaft für experimentelle und klinische Pharmakologie und Toxikologie, Mainz, Tagebuch Wolfgang Heubner, Nr. 13, 25.4.1938.In Loewis Familie sowie in Teilen der Fachkollegenschaft wurde Jarischs Absage als Solidaritätsbekundung mit Loewi gewertet. USC Shoah Foundation, Zeitzeugeninterview Anna Weiss.Universitätsarchiv (UA) Graz, Personalakte Otto Loewi, zitiert in: Ursula Mindler, Nationalsozialistische Universitätspolitik zur Zeit des „Anschlusses“. Das Fallbeispiel Otto Loewi, in: Blätter für Heimatkunde 77 (2003), S. 89–106.USC Shoah Foundation, Zeitzeugeninterview Anna Weiss.Vgl. H.[anns] G.[otthard] Lasch, B.[ernhard] Schlegel (Hg.), Hundert Jahre Deutsche Gesellschaft für innere Medizin. Die Kongreß-Eröffnungsreden der Vorsitzenden 1882–1982, München 1982, S. 745–746.

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