Einer der insgesamt 44 KZ-Häftlinge, die im KZ Dachau 1944 zu Salzwasser-Trinkversuchen unter der Verantwortung der DGIM-Mitglieder Wilhelm Beiglböck und Hans Eppinger herangezogen wurden, war der katholische Musiker und Hilfsarbeiter Johann Reinhardt. Seine Dachauer Häftlingsnummer 91160 ist bekannt. Der in den Akten diskriminierend als „arbeitsscheuer Zigeuner“ bezeichnete Sinto kam am 3. August 1944 vom KZ Auschwitz ins KZ Buchenwald, später ins KZ Dachau. Nach dem Humanexperiment wurde Reinhardt in das Konzentrationslager Neuengamme (Hamburg) verbracht.1
Aus Ravensburg vertrieben
Zu Johann Reinhardt hat der Kinder- und Jugendarzt Thomas Nowotny im Januar 2026 eine biographische Skizze veröffentlicht, die unser Wissen über das Reinhardt widerfahrene Unrecht erheblich bereichert.2 Demnach wohnte Johann Reinhardt seit Juli 1936 unter der Adresse einer städtischen Notbaracke in der Oberzellerstraße 72 in Ravensburg. Dort war er zuerst für das Städtische Tiefbauamt, später für die Baufirma Kirchhoff tätig.3Am 5. Mai 1937 heiratete Johann Reinhardt seine Frau Magdalena, geboren am 21. Juli 1914 in Inntobel, einem zur Gemeinde Berg (Schussental) gehörenden Dorf. Der Ravensburger Bürgermeister Rudolf Walzer reagierte mit der Ausweisung des jungen Paars aus der Stadt. Ein „weiteres Festsetzen dieses Zigeuners“ müsse „aus sittlichen und sicherheitspolitischen Gründen mit allen Mitteln verhindert werden“.4 Nowotny berichtet: „Noch vor der Hochzeitsnacht, gegen 21 Uhr, wurde das junge Paar auf seine Anweisung hin verhaftet und des Ortes verwiesen, so dass die für den 10. Mai anberaumte kirchliche Trauung nicht stattfinden konnte. Eine Beschwerde der Brautmutter an das württembergische Justizministerium blieb unbeantwortet. Zweimal wurde der Ehemann noch bei Razzien in der Wohnung seiner Schwiegereltern angetroffen, in der Logik der Behörden ein illegaler Aufenthalt auf städtischem Grund, und wegen Hausfriedensbruch verhaftet, zuletzt im April 1938. Daraufhin wurde das Ehepaar 'zur Ausreise nach Österreich' abgeschoben; sie zogen dann nach Rosenheim.“5
In Rosenheim war Johann Reinhardt vom 20. April 1939 bis zum 20. September 1939 in der Kaiserstraße 15 bei Schönbauer gemeldet, danach vom 20. September 1939 bis zum 22. September 1940 Am Salzstadel 3 bei Hösch. Am 30. Dezember 1939 wurde Tochter Rosa geboren.
Mord an Johann Reinhardts Familie in Auschwitz
1940 spitzte sich die Lage für die Familie Reinhardt zu. Am 7. Juli 1940 wurden Johann und Magadalena Reinhardt wegen Begünstigung festgenommen. Zwar kamen zunächst Magdalena, dann auch Johann aus der Untersuchungshaft wieder frei, doch war die Bedrohungslage nunmehr so sehr gestiegen, dass sie die Tochter bei den Eltern der Mutter im Lager Ravensburg-Ummenwinkel, in dem Sinti unter inhumanen Bedingungen festgehalten wurden, zurückließen und flohen.6
Über den weiteren Leidensweg schreibt Nowotny: „Im Juni 1941 wurden die Eltern verhaftet. Magdalena Reinhardt wurde am 27. Juni 1941 in die Krankenabteilung der JVA München-Stadelheim eingeliefert, nachdem sie im Rosenheimer Gefängnis acht Tage die Nahrungsaufnahme verweigert hatte. Ihr Mann Johann fragte am 8. Juli 1941 schriftlich bei der 'Direktion Stadelheim' an, ob sich seine Frau dort befände. Gemäß Beschluss des Oberbürgermeisters von Rosenheim zum 'Vollzug des Zigeuner- und Arbeitsscheuengesetzes' wurde Magdalena Reinhardt am 1. August 1941 in das Arbeitshaus Aichach eingeliefert, wo sie, mit 'Arbeitszwang' bestraft, zwei Jahre lang untergebracht werden sollte. Das Arbeitshaus Aichach wurde 1935 in die seit 1909 bestehende Justizvollzugsanstalt eingegliedert. Im Juni 1941 war es mit 1900 Frauen absolut überbelegt, die maximale Anzahl der Insassinnen wird mit 850 angegeben. Über einhundert der Insassinnen wurden Opfer von Zwangssterilisierungen durch den Anstaltsarzt Dr. Ludwig Schemmel, darunter auch Sintezze. Ob auch Magdalena Reinhardt sterilisiert wurde, ist nicht bekannt.“7
Magdalena Reinhardt wurde im September 1943 nach Auschwitz deportiert. Sie wurde hier wie auch ihre Tochter Rosa und ihre Eltern Salome und Ludwig ermordet.8
Humanexperiment in Dachau und Verbringung nach Neuengamme
Johann Reinhardt war am 27. Juni 1941 in die Strafanstalt Bernau wegen Arbeitsvertragsbruch eingewiesen worden. Anlass war, dass er aufgrund seiner Flucht seit dem 26. August 1940 nicht mehr bei der ihm zugewiesenen Firma Wachter in Rosenheim erschienen war. Am 25. November 1941 wurde Reinhardt in das Arbeitshaus Rebdorf (heute Ortsteil von Eichstätt) verlegt, wo er wahrscheinlich bis zum Januar 1944 Zwangsarbeit leisten musste. Über das weitere Geschehen berichtet Thomas Nowotny: „Am 14. Januar 1944 kam er ins KZ Auschwitz-Birkenau. Am 3. August 1944 erreichte der Transport mit Johann Reinhardt das KZ Buchenwald. Dort wurde er von Johannes Otto, einem Beamten vom Reichskriminalpolizeiamt, einer Selektion unterzogen. Während eines Appells wählte Otto unter den 918 Sinti vierzig Männer aus, darunter Johann Reinhardt, die sich gemeldet hatten, nachdem sie gefragt worden waren, ob sie sich 'zu einem besseren Arbeitskommando nach Dachau' melden wollten. Viele dachten deshalb, dass es sich um ein „Bombenaufräumungs-Kommando“ handeln könnte. Die SS suchte jedoch Probanden für [...] Menschenversuche, die seit 1942 in den Konzentrationslagern durchgeführt wurden. Der Transport verließ am 7. August 1944 Buchenwald und traf am 9. August 1944 im Konzentrationslager Dachau ein.
Die 'Meerwasser-Trinkversuche' wurden unmittelbar danach von dem SS-Stabsarzt Wilhelm Franz Josef Beiglböck durchgeführt; für die Durchsetzung und Planung der Versuche war Hans Eppinger verantwortlich. Er war an einer in Wien entwickelten Methode interessiert, die Salzwasser trinkbar machen sollte, indem der Salzgeschmack überdeckt, der Salzgehalt jedoch gleich war ('Berkatit'). Diese Methode wurde mit unbehandeltem Meerwasser und mit 'Wolfatit' verglichen, einem von der IG Farben entwickelten Präparat, dessen Salzgehalt tatsächlich verringert war. [...]
Johann Reinhardt wurde als „Versuchsperson 28“ der Gruppe zugeteilt, die zwischen 5 und 9 ½ Tage lang nur von 1000 ml Berkatit und Notrationen leben musste, und wurde dadurch laut Aufzeichnung 'krank'. Nach dem Experiment wurden die Versuchspersonen sofort in die überfüllten Blöcke des allgemeinen Lagers gebracht; einige kamen auf Außenkommandos zur Verrichtung von Zwangsarbeit, zum Beispiel bei der Firma Messerschmitt. Das Versprechen einer Erholungspause wurde nicht eingehalten.“9
Am 22. Oktober 1944 wurde Johann Reinhardt ins KZ Neuengamme verlegt. Hierhin war 1941 bereits sein älterer Bruder Robert verbracht worden, bevor er am 25. Juni 1942 im Rahmen der "Euthanasie"- Aktion „Sonderbehandlung 14f13“ in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Bernburg durch Giftgas ermordet wurde. Welches weitere Schickal Johann Reinhardt im KZ Neuengamme erwartet hat, konnte bislang nicht geklärt wetden. Nowotny schreibt: „Auf einer Liste „Freiwillige für den Heeresdienst“, die möglicherweise am 5. März 1945 erstellt wurde (handschriftlich vermerkt), ist Johann Reinhardt aufgeführt. Die Liste enthält 1061 Namen, darunter 98 mit dem Kürzel „AZR“ („Arbeitsscheu Reich“), das auch Johann Reinhardt zugeschrieben war. Recherchen des Bundesarchivs zu seinem Schicksal verliefen ergebnislos. Vermutlich wurde er zu sehr gefährlichen und lebensbedrohlichen Arbeiten gezwungen und starb noch vor Kriegsende im Alter von 31 Jahren.“
Seit 2024 wird der Familie Reinhardt in Rosenheim mit einem Gedenkzeichen Am Salzstadel gedacht.
Das Humanexperiment
Die Salzwasser-Trinkversuche im KZ Dachau standen unter direkter Verantwortung des DGIM-Vorsitzenden Hans Eppinger und seines Assistenten Wilhelm Beiglböck, später auch DGIM-Mitglied. Bei einer wichtigen Vorbesprechung war auch der Berliner Pharmakologe Wolfgang Heubner, ebenfalls DGIM-Mitglied, anwesend.
Schließlich stimmte SS-Chef Heinrich Himmler den Humanexperimenten mit KZ-Häftlingen zu.10 40 Roma und Sinti mit der Häftlingsbezeichnung ASR („Arbeitsscheu Reich“) wurden in der Folge als Versuchspersonen aus Buchenwald nach Dachau verbracht. Hinzu kam eine zweite Gruppe, die aus vier bereits in Dachau inhaftierten Sinti bestand. Höhere Zahlenangaben sind wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass einige ursprünglich vorgesehene Versuchspersonen aufgrund ihres Gesundheitszustandes ausgemustert wurden.11
Beiglböck berichtete während des Nürnberger Ärzteprozesses, zunächst hätten sämtliche Versuchspersonen zehn Tage lang „volle Fliegerverpflegung“ (3000 Kalorien) erhalten. Anschließend habe eine Gruppe hungern und dürsten müssen, während die anderen Gruppen die Seenotverpflegung der Luftwaffe hätten essen dürfen. Eine Gruppe musste täglich einen halben Liter Meerwasser mit dem Zusatzstoff Berkatit trinken, eine weitere einen ganzen Liter. Eine andere Gruppe hatte das gemäß dem IG-Farben-Verfahren behandelte Seewasser zu trinken. Eine Kontrollgruppe durfte gewöhnliches Trinkwasser in beliebiger Menge zu sich nehmen.12
Der Zeitzeugenbericht von Karl Höllenreiner
Einer der 40 aus Buchenwald nach Dachau verlegten KZ-Häftlinge, Karl Höllenreiner, schilderte 1947 den Versuch aus Opferperspektive: „Gruppe 2 erhielt nur chemisch präpariertes Seewasser, welches eine dunkel-gelbe Farbe hatte und bestimmt noch viel schlimmer war als reines Seewasser. […] Ich gehörte zu Gruppe 2. [...] Der Doktor der Luftwaffe war immer anwesend, während das Wasser getrunken wurde. […] Während dieser Experimente hatte ich furchtbare Durstanfälle, fühlte mich sehr krank, verlor stark an Gewicht und zum Schluss bekam ich Fieber und fühlte mich so schwach, dass ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. [...] Ich erinnere mich noch genau an eine Szene, wo ein tschechoslowakischer Zigeuner den Doktor der Luftwaffe gebeten hat, dass er unmöglich noch mehr Wasser trinken könnte. Dieser tschechoslowakische Zigeuner wurde daraufhin auf Anordnung von dem Doktor der Luftwaffe an ein Bett festgebunden, der Doktor der Luftwaffe goss diesem Zigeuner persönlich mittels einer Magenpumpe gewalttätig das Seewasser herunter. Während der Experimente erhielten die meisten Zigeuner Leber- und Rückenmarkpunktionen. Ich selbst habe eine Leberpunktion erhalten und weiß aus meiner eigenen Erfahrung, dass diese Punktionen furchtbar schmerzhaft waren. Noch heute, wenn das Wetter wechselt, fühle ich starke Schmerzen, wo die Leberpunktion durchgeführt wurde. Alle Leber- sowie Rückenmarkpunktionen wurden von dem Doktor der Luftwaffe persönlich durchgeführt. [...] Auf Befehl des Doktors der Luftwaffe wurden zwei tschechischen Zigeunern [sic], welche sich etwas frisches Wasser beschafft hatten, zur Strafe während der weiteren Durchführung der Experimente ständig auf ihren Betten mit Stricken festgebunden gehalten. Die meisten Zigeuner bekamen Wahnsinnsanfälle […]. Wenn solche Anfälle in Gegenwart des Doktors der Luftwaffe geschahen, lachte dieser nur ironisch und wenn es ihm zu schlimm wurde, gab es Leberpunktionen, worauf der Betroffene etwas ruhiger wurde. Niemand wurde jemals von den Experimenten befreit, nachdem er einen solchen furchtbaren Anfall mitgemacht hat. Ungefähr zwischen der ersten und zweiten Woche der Experimente wurden alle Zigeuner auf Tragbahren mit weißen Tüchern überdeckt aus dem Krankenzimmer heraus in den Hof getragen. Hier wurden die nackten Körper fotografiert in der Anwesenheit des Doktors der Luftwaffe, welcher die ironische Bemerkung machte, daß die Leute lachen sollten, damit die Bilder freundlicher aussehen würden. Kurz nach den Aufnahmen wurden uns Nummern auf die Brust tätowiert. Diese Tätowierung wurde von dem Doktor der Luftwaffe persönlich durchgeführt. Er benutzte dazu eine chemische Flüssigkeit, welche entsetzlich brannte. […] Von den ursprünglich 40 hat einer, wie bereits erwähnt, die Versuche nur wenige Tage mitgemacht. Drei waren so dem Tode nah, dass man sie am selben Abend auf Tragbahren, mit weißen Tüchern abgedeckt, herausgetragen hat. Von diesen drei habe ich niemals wieder etwas gehört.“13
Eindeutige Belege für den Tod von Menschen „während der Experimente oder in deren Folge“ sind bislang nicht aufgefunden worden.14 Drei der während des Humanexperiments Malträtierten starben jedoch noch in der NS-Zeit.15