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Täterschaft

Hugo Schottmüller

geb. 22.09.1867 Trebbin/Brandenburg
gest. 19.05.1936 Hamburg

Mitglied der DGIM 1907 bis 1936

 

Hugo Schottmüller, geboren am 22. September 1867 im brandenburgischen Trebbin, studierte Medizin in Tübingen, Berlin und Greifswald. Er war Mitglied der Corps Rhenania und Marchia. 1893 wurde er nach dem Staatsexamen in Greifswald promoviert. Einige Monate verbrachte er an der Chirurgischen Klinik in Hamburg-Eppendorf (Max Schede) und am Hygienischen Institut in Greifswald (Friedrich Loeffler). Zugleich pflegte Schottmüller Kontakte zu Hermann Lenhartz, dem Direktor der Medizinischen Klinik in Eppendorf. Bald war bekannt, dass Lenhartz‘ Ruhm als „der literarische Herold der Sepsis“ wesentlich auf der Unterstützung Schottmüllers beruhte. Dieser profitierte 1895 wiederum von den Auseinandersetzungen, die Lenhartz‘ Verständnis der Blutkrankheiten provozierte. Hermann Rumpel galt als „einer der unversöhnlichsten Gegner von Lenhartz“, so dass er von Eppendorf nach Barmbek wechselte und Schottmüller seine Position als Oberarzt und Leiter einer medizinischen Abteilung übernehmen konnte. Damit begann eine Entwicklung, die Max Nonne in der Rückschau zu der anerkennenden Feststellung veranlasste, Schottmüller habe „eine Schule begründet“ und „Eppendorfs Ruf weit über Deutschland hinaus verbreitet“.1

1913 übernahm Schottmüller die Leitung der Medizinischen Klinik der Deutschen Universität Prag. Schon 1919 aber kehrte er nach Hamburg zurück, wo die Medizinische Poliklinik seine akademische Heimat wurde. Erst 1925 wurde er ordentlicher Professor. Neben seinen Erfolgen im Bereich der Sepsisforschung zeichneten ihn die Entdeckung des Paratyphus und seines Erregers aus.2

Bekenntnis zum Nationalsozialismus

Am 11. Mai 1933 trat Schottmüller der NSDAP (Nr. 3279662) bei. Am 11. November 1933 gehörte er zu den Unterzeichnern des „Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“. Zu diesem Zeitpunkt gehörte er bereits dem Vorstand der DGIM an und für das Jahr 1935 als Vorsitzender vorgesehen.3

Hugo Schottmüller stand in der Bereitschaft zur Anpassung an den NS-Staat seinem Vorgänger im Amt des DGIM-Vorsitzenden, Alfred Schittenhelm, in Nichts nach. Als er 1934 seine Überlegungen zu den Themen des im Jahre darauf folgenden Kongresses vorstellte, kann der erste Vorschlag als Tribut an das NS-Regime angesehen werden. Dennoch schienen „Fragen der Aero-Medizin und der Sport-Medizin“ auf den ersten Blick unverfänglicher als beispielsweise die der „Rassenhygiene“. Die der Luftwaffe dienlichen Humanexperimente in diesem Bereich erfolgten erst fast ein Jahrzehnt später. Die ein Jahr später tatsächlich gehaltenen Referate schlugen einen Bogen von den „ruhmreichen Kriegsflieger[n]“ des Ersten Weltkriegs (Heinrich Lottig) bis zu der Forderung, die „Hochleistungsfliegerei“ nur „jugendliche[n] Individuen mit elastischem Gefäßsystem“ zu überlassen (Gustav Schubert).4

Der Ausschuss billigte auch die weiteren Themenvorschläge Schottmüllers: „Rhythmus­störungen des Herzens oder die Bedeutung des Ekg. beim regelmässigen Herzen“, „hämorrhagische Diathesen“, „Bedeutung der serologischen Untersuchungsmethoden für die innere Medizin“, „Rheumatismus“, „endothorkale [sic] Pneumolyse“, „Welche Bedeutung kommt der Gastroskopie zu?“ Der Ausschuss verfolgte zudem den zusätzlichen Vorschlag Schittenhelms („Die Bedeutung des Carzinoms für die innere Medizin“) weiter. Dasselbe galt für die aus dem Gremium heraus geäußerte Erwartung, „die Bedeutung des Zwischenhirns vom neurologischen und psychiatrischen Standpunkt aus“ sowie die „Aphasiefrage“ zu besprechen.5

Kontroverse um die Kongressteilnahme von Rudolf Degkwitz

Als das Kongressprogramm fertiggestellt war, wurde es vom Reichspropagandaministerium geprüft. Überliefert ist, dass es zumindest in einem Fall tatsächlich eingriff und einen Vortrag verhinderte. Betroffen war der Hamburger Pädiater und Direktor der Universitätskinderklinik Rudolf Degkwitz, kein DGIM-Mitglied.6 Dieser hatte sich 1923 am „Marsch auf die Feldherrnhalle“ beteiligt und war im selben Jahr in die NSDAP eingetreten. Später glaubte er, die NSDAP in rechtliche Schranken weisen und zähmen zu können. Damit scheiterte Degkwitz. Im Mai 1933 wurde er erstmals suspendiert, 1944 verurteilte ihn der Volksgerichtshof unter Roland Freisler zu sieben Jahren Zuchthaus. Zum Jahreswechsel 1934/35 konnte Degkwitz noch seinen ärztlichen Aufgaben in Eppendorf nachgehen, wurde vom NS-Staat aber wissenschaftlich isoliert, auch durch das Auftrittsverbot während des DGIM-Kongresses 1935. Die DGIM unter Schottmüller intervenierte erfolglos. Man erhielt eine klare Antwort aus dem Reichpropagandaministerium, „dass es nicht angängig sei, ihn auf dem Kongress zum Vortrag zuzulassen.“7

Der von Schottmüller geleitete DGIM-Kongress fiel in das Jahr 1935, in dem nach einer Volksabstimmung das Saarland dem Reich wieder eingegliedert wurde und Hitlers „Wehrmacht“ die Reichswehr ersetzte. Zu Beginn der Wiesbadener Tagung begrüßte Schottmöller enthusiastisch die „Kollegen und Kolleginnen aus dem Saarland“ und stellte das Ereignis in eine Reihe mit dem „Tag von Potsdam“, der das Aneinanderrücken von Konservativen, Nationalisten und Nationalsozialisten symbolisieren sollte: „Es wird der 15. Januar dieses Jahres, der das Saarwunder verkündete, uns allen unvergeßlich sein, ein machtvolles Ereignis, das nächst dem Tag von Potsdam den Wiederaufstieg unseres deutschen Vaterlandes mit ehernen Lettern in die Weltgeschichte eingegraben hat, und dem sich nun die Wiedergeburt der deutschen Wehrmacht am 16. März d. J. würdig an die Seite stellt. Ja wir Ärzte, die wir mit an erster Stelle für die Ertüchtigung der deutschen Jugend zu sorgen haben, werden vor allem unseren Führer aus vollem Herzen für diese mannhafte Tat dankbar sein, die nicht nur die Schmach von Versailles endgültig tilgt, sondern nun wieder unseren Jungmannen die Erziehung zur kraftvollen Persönlichkeit wiedergibt, was wir 15 Jahre entbehren mußten.“8

Ideal des „Volksarztes“

Schottmüller zitierte ausgiebig Hitler und nahm den Nationalsozialismus vor der Behauptung in Schutz, er „hätte kein Verständnis für die Bedeutung der wissenschaftlichen Forschung“. Der NS-Ideologie folgend wandte sich Schottmüller vom Primat der unmittelbar dem Individuum zugutekommenden Medizin ab: „Nicht weniger ist die medizinische Forschung notwendig, um die Schädigung des Volkskörpers durch Infektionskrankheiten zurückzudrängen vor allem in ihrer Auswirkung auf die Geburtenzahl. Wir deutschen Forscher stellen uns nicht abseits vom nationalsozialistischen Dienst am Volk. […] Mit Recht fordert der heutige Staat von dem Arzt, daß dieser seine Pflicht nicht nur als Individualarzt, als persönlicher Fürsorger des einzelnen kranken Menschen, sondern auch als Volksarzt erfüllt. Er wird sich darüber klar sein müssen, daß er oft Kompromisse schließen muß zwischen dem, was dem einzelnen Kranken hilft und dem, was das Wohl der Familie und des Volkes erfordert.“9

Konkret versuchte Schottmüller in der Hochphase der „Neuen Deutschen Heilkunde“ das Konfliktpotential zu minimieren, indem er eine Symbiose von „Naturheilkunde“ und „Schulmedizin“ postulierte. Ein Arzt wie sein Lehrer Lenhartz habe seine Therapien schon immer auf der Kombination eines „rationellen wissenschaftlichen Denken und Wirken“ und „Methoden […], die man heute als Naturheilverfahren zu bezeichnen beliebt“.10

Für das Führerprinzip auch in der DGIM

Für die innere Verfasstheit der DGIM strebte Schottmüller nach einer deutlicheren Annäherung an das Führerprinzip. Trotz der im Jahr zuvor im Einklang mit Berlin veranlassten Satzungsänderung schwebte Schottmüller eine weitergehende Reform der inneren Strukturen der Gesellschaft vor. Im Ausschuss erklärte er, „dass in einiger Zeit die Satzungen der Gesellschaft geändert werden müssen und dass die Gesellschaft dann einen Führer bekommt“. „Für diesmal“, so Schottmüller nach dem Ausschussprotokoll, „sei es noch notwendig, die Wahlen nach den alten Statuten durchzuführen.“11 Per Akklamation wurde der spätere Vorsitzende Richard Siebeck (Berlin) in den Vorstand gewählt.

Hugo Schottmüller starb am 19. Mai 1936. Die Deutsche Sepsis-Gesellschaft vergibt für Grundlagenforschung einen Hugo-Schottmüller-Preis.12 Die ursprünglich nach dem Internisten benannte Schottmüllerstraße in Hamburg-Eppendorf wurde 2014 umgewidmet. Sie erinnert nun an die 1943 in Plötzensee enthauptete Widerstandskämpferin Oda Schottmüller.13

 


Quellennachweise

1 Max Nonne, Anfang und Ziel meines Lebens. Erinnerungen, 3. verb. Aufl. Hamburg 1976, S. 268.

2 Vgl. [Konrad] Bingold, Hugo Schottmüller †, in: Medizinische Klinik 1936, Nr. 26, S. 1-2. S. 2 (Sonderdruck).

3 Bundesarchiv (BA) Berlin, BDC-Dossiers Schottmüller und Siebeck.

4 H.[einrich] Lottig, Welche körperlichen und psychischen Eigenschaften sind Voraussetzung für die Fliegertauglichkeit? In: Verhandlungen 47 (1935), S. 40-48, S. 48; Gustav Schubert, Die Belastung des menschlichen Körpers beim Hochleistungsflug unter besonderer Berücksichtigung des Höhenfluges, in: Verhandlungen 47 (1935), S. 14-26, S. 26.

5 DGIM Wiesbaden, Protokollbuch der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, 1931–1938, Zweite Ausschusssitzung, 11.4.1934.

6 Vgl. Hendrik van den Bussche, Rudolf Degkwitz. Die politische Kontroverse um einen außergewöhnlichen Kinderarzt, in: Kinder- und Jugendarzt 30 (1999), S. 425–431.

7 Hoover Institution Archives, Stanford, Deutsche Kongress-Zentrale, Box 154, Propagandaminister an DGIM, 6.12.1934.

8 [Hugo] Schottmüller, Eröffnungsrede, in: Verhandlungen 47 (1935), S. 1–9.

9 Schottmüller, Eröffnungsrede, S. 5 f.

10 Schottmüller, Eröffnungsrede, S. 6.

11 DGIM Wiesbaden, Protokollbuch der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, 1931–1938, Erste Ausschusssitzung, 24.3.1935.

12 www.sepsis-gesellschaft.de/forschungspreise/.

13 www.stadtteilarchiv-eppendorf.de/2012/12/15/schottmullerstrase/.

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