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Emigration

 

Rudolf Alfred Sterns Weg in die Medizin war durch seinen Vater Richard Stern, Direktor der Medizinischen Poliklinik der Universität Breslau, vorgezeichnet. Nach dem mit Eisernen Kreuz II. und I. Klasse ausgezeichneten Kriegseinsatz und dem Studium der Medizin (Promotion 1921) arbeitete Rudolf Stern zwei Jahre am Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie unter der Leitung von Fritz Haber in Berlin. Hier beschäftigte er sich mit kolloidchemischen Fragen, bevor er nach Breslau zurückkehrte und dort eine Assistentenstelle an der Medizinischen Klinik unter Oskar Minkowski antrat.1 1925 konnte er sich bei Minkowski, der die klinische Diabetes-Forschung maßgeblich geprägt hat und 1920 Vorsitzender der DGIM war, mit einer Arbeit über die klinische Bedeutung des Cholesterins habilitieren.2 Parallel dazu arbeitete Stern, geprägt von seinen eigenen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg, über „Die traumatische Entstehung innerer Erkrankungen“ – so der Titel des 1930 veröffentlichten Werks, das gleichzeitig eine Neubearbeitung der 1896 erschienen Monographie seines Vaters war.3 Nach der Emeritierung Minkowskis und dem Amtsantritt von dessen Nachfolger Wilhelm Stepp verschlechterte sich Sterns Situation an der Breslauer Klinik.

Diskriminierung durch Wilhelm Stepp

Stepp versagte Stern die weitere Förderung seiner akademischen Karriere und „verschleppte“ auch Sterns Berufung zum außerordentlichen Professor der Breslauer Universität, die 1930 doch noch gelang. Die Familie vermutete hinter Stepps Agieren antisemitische Motive.4 Bald nach dem Beginn der NS-Zeit war Stern nur noch die Ausübung einer Privatpraxis möglich, in der sich eine „in jeder Hinsicht gemischte Klientel“ einfand, „arisch“ und „jüdisch“, „reich und arm“.5 In komplizierten Fällen holte Stern konsiliarischen Rat ein, wie etwa 1935 von dem Frankfurter Internisten Franz Volhard, der seinem jungen Kollegen in Behandlung eines „reichen, schwerstkranken jüdischen Patienten“ zur Seite stand.6

Mitglied der DGIM war Stern zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. 1932 wurde er letztmals in den Mitgliederlisten der DGIM geführt.7 Dabei unterstützte ihn seine Frau Käthe Brieger, promovierte Physikerin und Montessori-Pädagogin. Mit ihr war er seit 1919 verheiratet.

Emigration in die USA

Obwohl Stern ein gefragter Konsiliarius war, fasste er 1935 unter dem Eindruck zunehmender Diskriminierung und Gewalt Emigrationspläne. Nachdem sich mehrere Angebote, darunter aus Teheran und Istanbul, zerschlagen hatten, emigrierte er mit seiner Familie im März 1938 nach New York. Dort fand er Aufnahme bei Francis Carter Wood am „Cancer Research Institute“ der Columbia University. Im Jahr darauf erwarb Stern die US-amerikanische Approbation als Arzt, arbeitete fortan an New Yorker Krankenhäusern und wurde in mehrere angesehene medizinische Fachgesellschaften wie der „New York Academy of Medicine“ aufgenommen. Von 1941 an engagierte er sich in der „Rudolf Virchow Medical Society“, deren Präsident er 1959 wurde.8

Stern galt als umfassend gebildeter Kliniker und erwarb das ärztliche Vertrauen von hochrangigen Persönlichkeiten seiner Zeit. Zu seinen Patienten zählte Chaim Weitzmann, der erste Staatspräsident Israels.9 Der von den Nationalsozialisten vertriebene Grazer Ordinarius Wilhelm Berger berichtete 1956: „Von gelegentlichen Aussprachen mit zwei fuehrenden Internisten, Geheimrat Minkowski in Breslau und Friedrich von Müller in Muenchen weiss ich, dass sie Professor Stern als einen kommenden Mann und Anwaerter auf die Leitung eines klinischen Lehrstuhles betrachtet haben.“10

In seiner Breslauer Zeit war Stern langjähriger Vertrauensarzt und Freund des Chemikers und Nobelpreisträger Fritz Haber, der Taufpate seines 1926 geborenen Sohnes Fritz Stern wurde.11 Der nach Habers Vornamen genannte Fritz Stern schwankte in der amerikanischen Emigration zwischen einem Studium der Medizin oder Geschichte – und entschied sich (gegen den Rat Albert Einsteins) für letzteres.12 Fritz Stern wurde einer der bedeutendsten Historiker der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. 1963 gab er die Erinnerungen seines Vaters an Fritz Haber heraus.13 Haber war 1934 in Basel trotz aller ärztlichen Bemühungen seines Freundes Rudolf Stern an einem Herzanfall gestorben.14 Stern selbst starb im Alter von 67 Jahren 1962 in New York.

 


Quellennachweise

1 Hans Biberstein, In memoriam: Rudolf A. Stern, in: Proceedings of the Rudolf Virchow Medical Society in the City of New York 22 (1963), S. 46–49, S. 46.

2 Rudolf Stern, Über die Klinische Bedeutung des Cholesterins in der Galle und im Blutserum, Leipzig 1926.

3 Richard Stern, Rudolf A. Stern: Über traumatische Entstehung innerer Krankheiten unter besonderer Berücksichtigung der Unfall-Begutachtung. 3., völlig neubearbeitete Auflage von Rudolf Stern. Jena 1930. In der Emigration veröffentlichte Stern das Werk in englischer Übersetzung: Rudolf Stern: Trauma in Internal Diseases, New York 1945.

4 Fritz Stern, Fünf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen. München 2007, S. 91 f.

5 Stern, Fünf Deutschland, S. 148.

6 Stern, Fünf Deutschland, S. 148.

7 DGIM, Verhandlungen.

8 Joseph Berberich/Henry Lax/Rudolf Stern (Hg.), Rudolf Virchow Medical Society in the City od New York, N.Y., Jubilee volume, 100th anniversary, Basel/New York 1960, S. 523; vgl. ebd., S. 6.

9 Hans Biberstein, In memoriam: Rudolf A. Stern, Proceedings of the Rudolf Virchow Medical Society in the City of New York 22 (1963), S. 46–49, S. 46.

10 Privatbesitz Fritz Stern, „Auesserung“ Bergers, 11. 9.1956.

11 Stern, Fünf Deutschland, S. 88. Vgl. Dietrich Stoltzenberg, Fritz Haber. Chemiker, Nobelpreisträger, Deutscher, Jude, Weinheim/New York/Basel/Cambridge/Tokyo 1994, S. 378 ff.

12 Stern, Deutschland, S. 209. Stern erinnert sich, dass der mit seiner Familie gut bekannte Albert Einstein ihm 1944 in der Frage von Studium und Beruf geraten habe: „Das ist einfach: Medizin ist eine Wissenschaft und Geschichte nicht. Also Medizin.“

13 Rudolf A. Stern, Fritz Haber: Personal Recollections, in: Leo Baeck Institute, Year Book 8 (1963), S. 70–102. Siehe auch Margit Szöllösi-Janze: Fritz Haber, 1868-1934. Eine Biographie. München 1998, passim.

14 Vgl. Stoltzenberg, Haber, S. 629.

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