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Franz Volhard

geb. 02.05.1872 München
gest. 24.05.1950 Frankfurt am Main

Mitglied der DGIM 1902 bis 1950

Ernennung zum DGIM Ehrenmitglied 1938

 

Franz Volhard hat über Jahrzehnte den Wiesbadener Kongress der DGIM, dem er 1930 selbst vorgestanden hatte, geprägt. Nach seinem Tod 1950 machte das Wort eines Kollegen die Runde, der „gar nicht mehr nach Wiesbaden zum Kongreß“ fahren wollte, wenn Volhard nicht mehr da ist“: „Wiesbaden und Volhard waren für mich seit Jahren ein unzertrennbarer Begriff. Wenn er das Wort ergriff, war es doch immer ein Ereignis.“

Franz Volhard wuchs zunächst in Gießen auf. Hier lehrte sein Vater, das spätere Leopoldina-Mitglied Jacob Volhard, Chemie. Dieser war mit Josephine Backofen, Tochter des Hofmalers Franz Backofen, verheiratet. Das Paar hatte sechs Kinder. Als Hans Volhard sieben Jahre alt war, zog die Familie nach Erlangen. Hier besuchte er als Sextaner noch kurz das Gymnasium, bevor ihn ein weiterer Umzug 1882 an das Gymnasium in Halle/Saale (Franckesche Stiftungen) brachte. Seine Reifeprüfung absolvierte er 1892 in Schulpforta. Das Medizinstudium schloss er nach Stationen in Bonn (Physikum 1894) und Straßburg 1897 in Halle/Saale mit Staatsexamen und Promotion ab. Seine Dissertation befasste sich mit der bei Schwangeren auftretenden Eklampsie und untersuchte an Kaninchen die Toxizität von Urin und Blut Schwangerer. Es folgten fast 200 weitere Publikationen.

1899 heiratete er seine Frau Else Toennies. Das Paar bekam sechs Söhne und vier Töchter.

In seinen ersten zwanzig Berufsjahren lernte Hans Volhard zahlreiche Krankenanstalten in vielen Teilen Deutschlands kennen. 1897/98 war er bei David von Hansemann an der Pathologie in Berlin-Friedrichshain, danach bei Franz Riegel an der Medizinischen Universitätsklinik in Gießen. Hier habilitierte er sich 1901 mit seinen Forschungen zur Fettspaltung im Magen und war 1904/05 stellvertretender Direktor. Sein Augenmerk richtete sich zunehmend auf das Herz und die Lebervenenpulse; er scheute sich nicht, Thesen Riegels zu widersprechen.

Erneuerer der Mannheimer Krankenanstalten

Nach einer kurzen Zeit an der Medizinischen Poliklinik kam er mit dem Jahresbeginn 1906 als leitender Arzt der Abteilung für Innere und Nervenkrankheiten an das städtische Luisenhospital in Dortmund, wo er sich auch der Pneumologie und der Entwicklung von Beatmungsapparaturen zuwandte. Er begann mit dem Aufbau einer Sammlung paraffinierter Herzen, die später weltweit gezeigt wurde. Zum 1. Oktober 1908 wechselte er an die Städtischen Krankenanstalten in Mannheim. Hier begleitete er als Direktor die Renovierung des verwahrlosten alten und den Neubau des 1922 fertiggestellten 1200 Betten fassenden Krankenhauses.

Forschungsschwerpunkt Niere

Volhards wichtigster Kollege war der 1909 nach Mannheim geholte Pathologe Theodor Fahr, mit dem er die Nierenkrankheit Morbus Brighti studierte und zu einer neuen Einteilung der Nierenleiden gelangte. Volhard galt als Kreislaufexperte, hatte sich aber seit 1905 verstärkt mit der Niere befasst. Während des Ersten Weltkriegs, in dem er nur kurzzeitig in Wilhelmshaven als Stabsarzt wirkte, baute er in einer Mannheimer Schule ein 150-Betten-Sonderlazarett für Nierenkranke auf. Durch die Propagierung einer radikalen Durst-und-Hunger-Diät konnte er zahlreiche an Nephritis erkrankte Soldaten vor dem Tod retten. Auch im Zweiten Weltkrieg und bei den Kriegsgegnern wurde die Volhardsche Therapie zur Routine.

Wechsel nach Halle und Ruf nach Frankfurt am Main

Genau zehn Jahre nach seinem Dienstantritt in Mannheim wurde er am 1. Oktober 1918 ordentlicher Professor für Innere Medizin in dem ihm vertrauten Halle, wo er 1922 mit den Aufgaben eines Dekans betraut wurde. Urämie, Hypertonie und das „Panzerherz“ bildeten jetzt seine Forschungsschwerpunkte. Wie einst sein Vater wurde er 1924 in die Leopoldina aufgenommen. Von den Kriegserfahrungen mit Nierenkranken bestärkt, widmete er sich in Halle mehr denn je der Nephrologie. Halle wurde unter seiner Leitung zu einem der wichtigsten nephrologischen Zentren. Mehrere Rufe lehnte er ab, den an die Universität Frankfurt am Main nahm er an. Am 1. März 1927 wurde er Direktor der dortigen Medizinischen Klinik. Hier vollendete er seine zweibändige „Nierenbibel“, die 1931 als Band VI des Handbuchs der Medizin erschien.

Zwischen Distanz und Anpassung in der NS-Zeit

Als die Nationalsozialisten an die Macht gelangten, war Volhard Dekan. Er passte sich so weit an, wie er es für seine Karriere und zur Verhinderung von Nationalsozialisten auf wichtigen Positionen für notwendig hielt. Den später von Frankfurt nach Bern gewechselten Schweizer Anatomen und Pazifisten Hans Bluntschli empfahl er im April/Mai 1933 wiederholt, sich beurlauben zu lassen. Am 5. Mai 1933 präzisierte Volhard, nachdem Bluntschli einen würdevollen Abgang erbeten hatte: „Ich glaube in der Tat, dass es im Interesse der Fakultät bezw. Universität gelegen ist, wenn Sie unter den gegenwärtigen Verhältnissen auf Abhaltung von Vorlesungen verzichten und sich wenigstens vorläufig beurlauben lassen. Ich möchte Sie daher bitten der Fakultät diesen Dienst zu erweisen.“ Zum Wintersemester 1933/34 wechselte Bluntschli nach Bern.

Volhards verbindliches Verhalten reichte den neuen Machthabern nicht. Obwohl noch am 26. April 1933 mit 12 zu 1 Stimmen als Dekan bestätigt, unterlag er am 9. November 1933 dem Chirurgen und Nationalsozialisten Hans Holfelder, zuletzt SS-Oberführer.

Volhard agierte weiter, als könne man dem Nationalsozialismus ein menschliches Antlitz geben. Erfolglos sprach er sich zugunsten von „nichtarischen“ Doktoranden dafür aus, diesen bei Bestehen der Doktorprüfung wie bisher „eine vorläufige Bescheinigung in alter Form“ ausstellen zu können. Wenig später hielt er einen erbbiologischen Lehrstuhl in Frankfurt für „dringlicher“ als einen für physikalisch-diätetische Therapie und Naturheilkunde. Diese scheinbar in Richtung von NS-Verbrechen weisende Haltung richtete sich de facto gegen den dann Ende 1934 berufenen Ordinarius für physikalische Therapie und Naturheilkunde Heinrich Lampert, der als fanatischer Nationalsozialist galt.

Gegenüber dem als „Volljuden“ angesehenen Pharmakologen Werner Lipschitz vollzog Volhard freilich trotz eindringlicher Bitten um Solidarität die zu Entlassung und Emigration nach Istanbul führenden Schritte.

Den Eintritt in die NSDAP vermied er, doch wurde er förderndes Mitglied der SS (1933–1939) und Angehöriger der SA-Reserve II. Zudem trat er dem NS-Altherrenbund, dem NS-Bund der Kinderreichen, der NS-Volkswohlfahrt und dem Volksbund für das Deutschtum im Ausland bei. Diese Art des Bekenntnisses zum nationalsozialistischen Staat blieb aus Sicht des Regimes unzureichend. Zum 1. Oktober 1938 wurde Volhard gegen seinen Willen emeritiert, obwohl eine weitere Verlängerung seines Ordinariats möglich gewesen wäre. Die NS-Gauleitung hielt ihn zwar „nicht im eigentlichen Sinn für politisch verdächtig“, doch sah man bei ihm die Gefahr unwillkommener politischer Äußerungen im Ausland. Tatsächlich erreichte ihn die Nachricht von seiner Emeritierung in Südamerika.

Nicht einmal seine eigene Vertretung wurde ihm gestattet, so dass bis zur Ernennung seines Nachfolgers, des strammen Nationalsozialisten Wilhelm Nonnenbruch, zunächst ein Oberarzt, dann der Direktor der Poliklinik die Klinikleitung übernahmen.

Bedrohte Familie

Die Skepsis des Regimes gegenüber Volhard hing mit dem Schicksal seines zweitgeborenen Sohnes Hans zusammen. Dieser hatte 1927 die Jüdin Hilde Seelig geheiratet hatte. Die gemeinsame Tochter Nana war gehörlos und von Zwangssterilisation bedroht. Nicht zuletzt aufgrund von Kooperation mit seiner jüdischen Schwiegerfamilie kam Hans Volhard 1938/39 neun Monate lang ins Gefängnis. Um die Situation der Familie seines Sohnes zu erleichtern, so seine spätere Erklärung, stellte Franz Volhard nun doch einen Antrag auf NSDAP-Mitgliedschaft. Da er hierbei aber angab, Meister der Freimaurerei zu sein, wuchs der Argwohn der NSDAP weiter.

Als Emeritus blieb Volhard ein einflussreicher Berater, beispielsweise als es um die Nachfolge Richard Siebecks 1941 an der Charité oder Nikolaus Jagics 1944 in Wien ging. Mit klaren Bewertungen war er nun noch weniger zögerlich. So machte er gegenüber Gustav von Bergmann „die Niedertracht von Achelis“ dafür verantwortlich, dass er nicht an die Charité habe wechseln können. „Wir“, so Volhard an Bergmann, „hätten uns wundervoll vertragen“. Der Arzt Johann Daniel Achelis war als Ministerialrat im preußischen Kultusministerium 1933/34 „der Architekt der ‚Säuberung‘ der deutschen Hochschulen“.

In dieses Bild passt, dass Volhard in einem Privatbrief Annäherungen von Kollegen an das Regime kritisierte. So wollte er zwar Nonnenbruch auf einem wichtigen Lehrstuhl sehen, kritisierte aber sein Herantreten an de Crinis oder sogar an den Minister. Volhard wollte auch noch 1944 die Schimäre universitärer Autonomie aufrechterhalten: „Der [Minister] soll sich an die Vorschläge der Fakultät halten“.

Wiedereinsetzung durch die Alliierten

1945 wurde Volhard von der US-Militärregierung und 1948 vom hessischen Kultusministerium als Klinikdirektor und Ordinarius wiedereingesetzt. Während des Nürnberger Ärzteprozesses 1947 entlastete er den für Humanexperimente verantwortlichen Wilhelm Beiglböck. Volhard scheint „der grundsätzliche Unterschied“ zwischen den Dachauer Humanexperimenten zur Trinkbarmachung von Meerwasser und der von ihm verfochtenen Durst-und-Hunger-Diät bei an Nephritis erkrankten Soldaten nicht „klar geworden“ zu sein. Er vertrat die Auffassung, „daß von einem Verbrechen gegen die Humanität bei derartigen Versuchen nicht die Rede sein“ könne. Als am 2. Mai 1947 Franz Volhard aus Anlass seines 75. Geburtstags bei einem akademischen Festakt in Frankfurt gefeiert wurde, akzeptierte er Louis R. Grote, einen Verfechter der zeitweilig von den Nationalsozialisten geförderten „Neuen Deutschen Heilkunde“, als Festredner.

Die Nachkriegsjahre waren für den sein Umfeld stets duzenden Volhard auch privat äußerst bewegt. Sein Sohn Rolf lebte für längere Zeit mit Familie in seinem Haus, darunter die 1942 geborene spätere Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard. An Geduld, sich mit Gästen wie der gehörlosen Enkelin Nana zu beschäftigen, mangelte es ihm – anders als der Janni genannten Christiane, eine Cousine Nanas. 1949 starb seine Frau. Am 4. Mai 1950, auf der Fahrt zum Schweizer Internistenkongress, verunglückte der noch immer als temperamentvoll geltende Volhard am Steuer seines Wagens. Seine Beifahrerin und Sekretärin starb am Unfallort, er selbst zwanzig Tage später. Gustav von Bergmann konnte dem Unfall etwas Positives abgewinnen: „Seien wir froh, daß dieses Unglück, zu dem er nach seinem Temperament stets prädestiniert war, ihn so spät getroffen hat, nachdem er in die Klinik der Nierenkrankheiten ordnende Klarheit gebracht hat“.

Ehrenmitglied der DGIM

Die Zahl der Auszeichnungen und Ehrungen ist groß. Als Volhard 1938 Ehrenmitglied der DGIM wurde, war er u.a. bereits Ehrendoktor der Sorbonne (1933) sowie Träger der Billroth-Medaille der Wiener Ärzteschaft (1937), der Cothenius-Medaille der Leopoldina (1937), des Großkomturkreuzes des Königlich Griechischen Georg I.-Ordens (1937). Es folgten weitere Ehrendoktorgrade (Freiburg und Göttingen 1947) und die Ehrenbürgerschaft der Universität Frankfurt am Main (1947). In Halle wurde er 1947 mit einer Büste geehrt, in Frankfurt am Main posthum (1952). Mehrere Kliniken, Stationen, Vorlesungen und Auszeichnungen wurden nach ihm benannt, beispielsweise die Volhard-Vorlesungen der Universität Frankfurt am Main (seit 1952), die Volhard Lectures der International Society of Hypertension (seit 1971), die Franz-Volhard-Medaille der Deutschen Gesellschaft für Nierenforschung (seit 1976) sowie der Franz-Volhard-Preis der Deutschen Gesellschaft für Nierenforschung (seit 1980).

 


Quellennachweise

1 Vgl. Franz Volhard, Erinnerungen, hgg. v. H.-E. Bock, K. H. Hildebrand, H. J. Sarre, Stuttgart/New York 1982, S. 50.

2 Zit. n. Claudia Kronschwitz, Franz Volhard. Leben und Werk, Frankfurt am Main 1997, S. 248.

3 Zur Biographie vgl. Ralf Forsbach, Volhard, Franz, in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 89–90; Volhard, Erinnerungen; Kronschwitz, Volhard.

4 F. Volhard/F. Suter, Nieren und ableitende Harnwege, Berlin 1931 (= Handbuch der Medizin, Bd. 6/I und 6/II).

5 Zit. n. Udo Benzenhöfer, Die Frankfurter Universitätsmedizin zwischen 1933 und 1945, Münster/Ulm 2012, S. 29.

6 Vgl. Benzenhöfer, Universitätsmedizin, S. 31 f.

7 Vgl. Benzenhöfer, Universitätsmedizin, S. 11; Udo Benzenhöfer, Medizinische Fakultät Die der Universität Frankfurt am Main in der Zeit von 1933 bis 1941 im Spiegel der Sitzungsberichte, in: ders. (Hg.), Die Medizinische Fakultät der Universität Frankfurt am Main im Spiegel der Sitzungsberichte (1914–1941), Münster/Ulm 2011, S. 85–121, S. 93; Kronschwitz, Volhard, S. 161.

8 Vgl. Benzenhöfer, Universitätsmedizin, S. 42 f.; Kronschwitz, Volhard, S. 161.

9 Vgl. Benzenhöfer, Universitätsmedizin, S. 21 ff.

10 Vgl. Kronschwitz, Volhard, S. 160.

11 Vgl. Kronschwitz, Volhard, S. 232.

12 Schreiben der Gauleitung, 21.2.1939, zit. n. Benzenöfer, Universitätsmedizin, S. 54; vgl. Kronschwitz, Volhard, S. 234.

13 Vgl. Kronschwitz, Volhard, S. 232.

14 Vgl. Benzenhöfer, Universitätsmedizin, S. 54.

15 Vgl. Nana Fischer, Papi und ich. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Kindheit und Jugend, Frankfurt am Main 2001, S. 9 f., S. 19 ff., S. 29 f. und passim; Kronschwitz, Volhard, S. 151, S. 228, S. 233; Volhard, Erinnerungen, S. 63.

16 Vgl. Kronschwitz, Volhard, S. 235.

17 Archiv der Humboldt-Universität Berlin, UK Personalia 5, 98, Bd. II, Siebeck, Volhard an von Bergmann, 12.8.1941.

18 Helmut Heiber, Universität unterm Hakenkreuz, Teil 1, Der Professor im Dritten Reich. Bilder aus der akademischen Provinz, München u.a. 1991, S. 392.

19 Medizinische Universität Wien, Sammlungen und Geschichte der Medizin, Eppinger, Kongressunterlagen, MUW-AS-004424-0054, Volhard an Eppinger, o. D. [wohl Juli 1944].

20 Vgl. Kronschwitz, Volhard, S. 237; Notker Hammerstein, Die Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Bd. II, Nachkriegszeit und Bundesrepublik 1945–1972, Göttingen 2012, S. 68.

21 Kronschwitz, Volhard, S. 244.

22 Zit. n. Kronschwitz, Volhard, S. 244.

23 Die Rede ist dokumentiert in Volhard, Erinnerungen, S. 99–106.

24 Vgl. Fischer, Papi, S. 85.

25 Vgl. Kronschwitz, Volhard, S. 248.

26 Gustav von Bergmann, Festvortrag [während der 96. Versammlung der GDNÄ], 22.10.1951, in: Max Pfannenstiel [Hg.], Kleines Quellenbuch zur Geschichte der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte. Gedächtnisschrift für die hundertste Tagung der Gesellschaft, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1958, S. 97–100, S. 100.

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