Emigration

Georg Ludwig Zülzer

geb. am 10.04.1870 in Berlin
gest. am 16.10.1949 in New York

Mitglied der DGIM 1909 bis 1935

Georg Ludwig Zülzer war der Sohn des bei Theodor Frerichs 1858 am Breslauer Physiologischen Institut promovierten Internisten Wilhelm Zülzer (1834-1893) und seiner Frau Franziska Abel (1845-1929).1 Wilhelm Zülzer war unter anderem in der Pockenabteilung der Charité tätig, erhielt 1884 den Professorentitel und gründete 1890 das Johanneum als erste Berliner Poliklinik. Georg Zülzer hatte zwei Geschwister, die ältere Schwester Luise (1869-1925) und den jüngeren Bruder Richard (1871-1950). Die jüdische Familie gehörte dem gut situierten Berliner Bürgertum an.

Georg Zülzer bestand 1889 am Französischen Gymnasium das Abitur. Im Anschluss studierte er Medizin an den Universitäten Freiburg und Berlin, wurde 1893 promoviert und 1894 approbiert. Nach seiner Assistentenzeit, die ihn nach Lyon, Frankfurt, Breslau, Zürich, Gießen und Wien führte, ließ er sich 1900 als Internist mit eigener Praxis in Berlin nieder. Zu seinen klinischen Lehrern gehörten unter anderem Ernst von Bergmann (1836-1907), Carl Harko von Noorden (1858-1944), Albert Ludwig Neisser (1855-1916) und Raphael Lepine (1840-1919). 1908 wurde Zülzer Chefarzt der Inneren Abteilung des Krankenhauses Hasenheide.

Forschung vor Familie

Zülzers Leben war der Wissenschaft gewidmet. Er wurde zu einem der wichtigsten Diabetesforscher. 1909 behandelte er Patienten mit aus den Bauspeicheldrüsen von Rindern gewonnenem Insulin, das Acetomal genannt wurde. Sowohl der als Koryphäe geltende Oskar Minkowski als auch das Pharmaunternehmen Hoffmann-La Roche verkannten die Bedeutung des Acetomals. Heute wird Zülzer bisweilen als der "unbekannte Entdecker des Insulins" bezeichnet.2 Hätten seine Erkenntnisse Beachtung gefunden, wäre der Weg zur verbreiteten Anwendung tierischen oder künstlichen Insulins zur Behandlung Diabetes-Kranker kürzer gewesen, jedenfalls hätte "Frederick Banting bei seinen Versuchen der Extraktion von Insulin aus der Bauchspeicheldrüse von Hunden nicht regelrechte Massaker anrichten müssen. Zülzer hatte in mehreren Fachartikeln bereits beschrieben, wie sich Insulin unkompliziert extrahieren lässt."3 Auf Zülzers Grabstein findet sich in englischer Sprache die Inschrift: "Der erste Arzt, der mit einem Extrakt aus der Bauchspeicheldrüse Menschen mit Diabetes aus dem terminalen Koma holte.“4

Sein Biograf Max Bloch fasst die Folgen von Zülzers Forschungsbegeisterung so zusammen: "Sein Gott war Aesculapius. Ihm diente er mit Leidenschaft, und ihm ordnete er alles andere unter. Seine Ehe war daran zerbrochen, und seinen Kindern ist er ein unnahbarer, fast schon fremder Vater gewesen."5 Der 1922 geschiedenen Ehe mit Edith Wolff (1880-1967) folgte eine zweite Ehe mit der Dänin Katharina "Kate" Stiller (1886-1946). Zülzers drei Kinder entstammten der ersten Ehe: Hertha, verheiratete Ernst (1904-1974, Anhängerin Rudolf Steiners, zeitweilig Leiterin der Ausbildungsschule am Goetheanum), Wolfgang "Wolf" Zülzer (1909-1987) und Werner Zülzer (1911-1933, Medizinstudent, in den Dolomiten tödlich verunglückt).6 Edith Wolff heiratete in zweiter Ehe den Landgerichtsrat Otto Stargard.7

Während des Ersten Weltkrieges stand Zülzer einem Kriegslazarett in Valenciennes an der Westfront vor und diente als Garnisonsarzt in Kobryn (heute Belarus) an der Ostfront. Nach Kriegsende wurde er 1919 Chefarzt der Inneren Abteilung des neu gegründeten jüdisch geprägten Krankenhauses Lankwitz in Berlin. Zülzer wurde zum Titular-Professor ernannt, eine Habilitation blieb ihm wohl aufgrund seiner jüdischen Herkunft verwehrt.8 Dabei hatte er sich und seine Kinder nach dem Tode des Vaters evangelisch taufen lassen. Zülzer war nie Mitglied einer Partei, stand aber den Sozialdemokraten nahe. Otto Wels und Adolf Grimme gehörten zu seinen Patienten und hatten seine Bemühungen um eine Professur unterstützt. Im März 1932 erhielt er einen Lehrauftrag im Fach "Spezielle Therapie und Pathologie der Infektionskrankheiten".

Seine Forschungen hatten zuletzt zu einem zunächst Eutonon, dann Cortunon genanntem Medikament geführt, das ein aus der Leber gewonnenes Herzhormon enthielt. 1928 trug er vor der Wiener Gesellschaft für Innere Medizin darüber vor, 1929 publizierte er über die Medizin, die seit 1943 von dem kanadischen Unternehmen Anglo French Drug, später von der Pariser Firma Freyssinge produziert wurde. Die Tantiemen machte Zülzer finanziell unabhängig.9 Weitere Forschungen betrafen das Darmperistaltikhormon Hormonal, die Vagotonie sowie Infektionskrankheiten wie Scharlach, Malaria und Fleckfieber.

Flucht nach New York und Praxis in Manhattan 

Nach Hitlers Regierungsübernahme wurde Zülzer, der am Kurfürstendamm 62 wohnte, rasch als Jude verfolgt.10 Er verlor seinen Lehrauftrag und wurde im Rahmen des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ entlassen. Daraufhin emigrierte Zülzer in die USA und erreichte am 17. Mai 1934 New York. Als 64-Jähriger gelang es Zülzer nicht mehr, eine universitäre Anstellung zu erhalten. Wohl aber konnte er eine internistische Praxis in Manhattan, 394 West End Avenue, eröffnen. Die Zülzer-Biografen Viktor Jörgens und Friedrich W. Kemmer, die Briefe Zülzers an den Sohn Wolf auswerten konnten, berichten, dass die Praxis bald gut "lief" und "auch Berühmtheiten wie die damals 16-jährige russische Ballerina Irina Baronova" zu den Patientinnen gehörte.11

Wolf Zülzer folgte seinem Vater im August 1935 in die USA, nachdem er in Berlin als Jude der Universität verwiesen worden war und nach einem kurzen Intermezzo in Bonn sein Medizinstudium erfolgreich in Prag hatte abschließen können. Nach Stationen in Boston bzw. Cambridge stieg er in Detroit als Pädiater zu einer Koryphäe seines Fachs auf.

Schicksalsschläge und Tod

Im Juni 1942 wurde bei Georg Zülzers zweiter Frau Kate ein fortgeschrittenes Rektumkarzinom festgestellt. Auch der berühmte ebenfalls nach New Yok emigrierte Chirurg Rudolf Nissen konnte nicht helfen. In einem Brief Zülzers an seinen Sohn Wolf vom Februar 1943 vermischen sich private und politische Sorgen: "Soeben sehe ich ein Mittagsblatt, das über die entsetzlichen, unausdenkbaren Judenausrottungspläne Hitlers berichtet. Ich kann mir Deine Gefühle vorstellen und fühle mit Dir; ich hoffe nur, dass Deine Mutter dem Schicksal zuvorgekommen ist. Der Gedanke, dass alles Leid für Deine Mutter vorüber ist, möge Dich trösten".12 Edith Stargard, geschiedene Zülzer, aber hatte sich nicht das Leben genommen, sondern war nach Theresienstadt verbracht worden, wo sie mit ihrem Mann Otto überlebte. Im Februar 1945 gelangten sie mit einem vom Internationalen Roten Kreuz organisierten Sondertransport in die Schweiz. Von dort zogen sie für einige Jahre zu Wolf Zülzer in die USA, bevor sie in ihr unbeschädigt gebliebenes Haus nach Berlin-Dahlem zurückkehrten.13

Im Herbst 1946 gab Georg Zülzer seine Praxis auf. Noch im selben Jahr erlag seine Frau ihrem Krebsleiden. Zülzer erwog zeitweilig, in die Heimat seiner Frau nach Dänemark umzuziehen, wo er bei der Kopenhagener Firma Leo zu forschen hoffte. Doch er entschied sich anders. Er zog in ein New Yorker Altersheim, wo er am 16. Oktober 1949 im Alter von 79 Jahren starb. Er wurde in Troy, einem nördlichen Vorort von Detroit, beigesetzt. Teile von Zülzers Korrespondenz befinden sich heute im Jüdischen Museum Berlin. 


Quellennachweise

Diesem Biogramm liegen zugrunde: Tobias Brügge, Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin und ihr Umgang mit jüdischen und politisch unliebsamen Mitgliedern 1933-1940, Diss. med. Münster 2026, S. 481 f.; Max Bloch, Die Zuelzers. Deutsche – Juden – Exilanten, in: Exil 42 (2023), S. 5-62 (Sonderdruck: Max+Bloch+-+EXIL+-+Die+Zuelzers.pdf); Viktor Jörgens/Friedrich W. Kemmer, Professor Georg Ludwig Zülzer – Briefe des deutschen Entdeckers des Insulins im US-Exil an seinen Sohn, in: diabetologie-online, 31.10.2025 Professor Georg Ludwig Zülzer • diabetologie-online.Astrid Viciano, Der unbekannte Entdecker des Insulins, in: Süddeutsche Zeitung online, 22.1.2022 Diabetes: Der Ursprung der Insulin-Therapie - Gesundheit - SZ.de.Anonymus, 100 Jahre Insulin? Georg Zülzer: Ein Insulinpionier ohne Würdigung, in: Diabetiker Niedersachsen online, 14.11.2022 Georg Zülzer: Ein Insulinpionier ohne Würdigung | Diabetiker Niedersachsen e.V.; vgl. Kersten T. Hall, Insulin - The Crooked Timber. A History from Thick Brown Muck to Wall Street Gold, Oxford 2022.Vgl. Foto unten.Bloch, Zuelzers, S. 13, Sonderdruck S. 8.Vgl. Bloch, Zuelzers, Sonderdruck S. 21 und 60.Vgl. Bloch, Zuelzers, Sonderdruck S. 21.Vgl. Andreas Ebert, Jüdische Hochschullehrer an preußischen Universitäten (1870-1924). Eine quantitative Untersuchung mit biographischen Skizzen, Frankfurt am Main 2008, S. 89; Michael Hubenstorf, Die 1933-1935 entlassenen Hochschullehrer der Medizin in Berlin, in: Wolfram Fischer u.a. (Hg.), Exodus von Wissenschaften aus Berlin. Fragestellungen – Ergebnisse – Desiderate. Entwicklungen vor und nach 1933, Berlin/New York 1994, S. 615-626, S. 626.Vgl. Jörgens/Kemmer, Zülzer.Berliner Adressbuch 1933, S. 3084.Jörgens/Kemmer, Zülzer.Jörgens/Kemmer, Zülzer.Vgl. Bloch, Zuelzers, Sonderdruck S. 46 f.