Hermann Zondek war der Sohn des Textilhändler Abraham und seiner Frau Sara Zondek. Die jüdische Familie hatte noch fünf weitere Kinder: Berta (1887-1942), Bernhard (1891-1966), Hedwig, verheiratete Rosendorf (1893-1943), Samuel (1894-1970) und Ernst (1898-1958). Berta Zondek, verheiratete Sklow, wurde Ärztin, Bernhard Zondek ein namhafter Gynäkologe, Samuel Zondek Internist. Die beiden Töchter wurden während der Shoa ermordet, Bernhard und Samuel emigrierten wie Hermann Zondek nach Palästina.1
Auf dem Weg zum Nierenexperten
Herrmann Zondek kam im 60 km nordwestlich von Posen (Poznan) gelegenen Wronke an der Warthe (heute Wronki/Polen) zur Welt. Er besuchte die örtliche jüdische Gemeindeschule (Elementarschule), dann eine höhere private Knabenschule und schließlich ab 1901 das Gymnasium im 55 km östlich seiner Geburtsstadt gelegenen Rogasen (heute Rogozno/Polen), wo er zum überzeugten Monarchisten wurde und 1907 das Abitur ablegte.2 Auf Anraten seines Onkels, des namhaften Nieren-Chirurgen Max Zondek (1868-1933) entschied er sich gegen eine Rabbiner-Laufbahn und für ein Medizinstudium. Dieses begann er im Sommersemester 1907 in Göttingen und schloss es 1912 in Berlin ab. Im selben Jahr wurde er bei seinem Onkel mit einer Arbeit „Zur Topographie in der Niere“ promoviert. Nach seiner Zeit als Medizinalpraktikant in der Dermatologischen Klinik unter Edmund Lesser (1852-1918) und in der I. Medizinischen Klinik der Charité unter Wilhelm His (1863-1934) wurde Zondek im Frühjahr 1913 als Arzt approbiert. Da er zunächst in Berlin keine Stelle finden konnte, ging er für ein Jahr als etatmäßiger Assistent an die Freiburger Universitätskinderklinik unter Carl Noeggerath (1876-1952). Im April 1914 wurde er Assistent in Wilhelm His' I. Medizinischer Klinik und Poliklinik der Charité Berlin.
Schon als Medizinalpraktikant hatte Zondek begonnen, zur Nierenpathologie zu forschen. 1919 reichte er seine Habilitationsschrift „Untersuchungen über die Arbeit der kranken Niere“ ein, 1921 wurde er auf Vorschlag von His zum außerordentlichen Professor für Innere Medizin berufen. Zuvor hatte er, basierend auf den Kriegserfahrungen während des Kohlrübenwinters 1916/17 zusammen mit seinem Kollegen Carl Maase ein vielbeachtetes Werk zum Hungerödem verfasst. 1923 veröffentliche Zondek, mittlerweile Oberarzt und Abteilungsleiter, sein Hauptwerk, welches vielfach neu aufgelegt und in viele Sprachen übersetzt wurde: „Die Krankheiten der endokrinen Drüsen“.
Von der Charité zum Urban
Da er als Jude kaum eine Chance auf ein Ordinariat hatte, verließ Zondek 1923 die Charité. Er wurde Klinikdirektor und Chefarzt der Inneren Abteilung des Städtischen Krankenhauses Am Urban in Berlin-Kreuzberg. Daneben führte er eine gut gehende Privatpraxis in der Brückenallee 5. Er behandelte viele hochrangige Persönlichkeiten der Weimarer Republik, darunter die zeitweiligen Reichskanzler Hermann Müller, Gustav Stresemann und Kurt von Schleicher sowie Reichstagspräsident Paul Löbe. 1928 reiste er als offizieller ärztlicher Begleiter Stresemanns zu den Pariser Verhandlungen, die zum Briand-Kellogg-Pakt führten.
Flucht nach Jerusalem
Am 11. März 1933 besetzte die SA das Krankenhaus am Urban, trieb die jüdischen Ärzte mit Gewalt zusammen und verbot ihnen ohne jede gesetzliche Grundlage, das Gebäude noch einmal zu betreten. Hermann Zondek kehrte nie wieder ins Krankenhaus zurück. Noch am selben Tag floh er in Begleitung seines Bruders Samuel nach Zürich. Er erhielt viele Stellenangebote, unter anderem aus Warschau, Paris, Buenos Aires und New York, entschied sich aber zunächst für eine Stelle am Victoria Memorial Jewish Hospital in Manchester. Dort aber hätte er seine Approbation erst nach neuerlichem Studium und Examina erhalten. Deshalb beschlossen die Brüder, Manchester wieder zu verlassen und mit Unterstützung von Chaim Weizmann 1934 nach Palästina auszuwandern. Hier erhielten sie von den britischen Behörden noch im selben Jahr die Approbation.
Zondek wurde Chef des orthodoxen Bikur Cholim Hospital in Jerusalem und baute sich erneut eine private Praxis auf. Er wurde in Israel zu einem gefragten Arzt mit Patienten aus der jüdischen und der arabischen Oberschicht. 1951 wurde Zondek zum Professor für Endokrinologie an die Hebräische Universität in Jerusalem berufen. Über lange Jahre fungierte er als Vorsitzender der wissenschaftlichen Sektion der israelischen Ärzteschaft. 1968 verlieh ihm Teddy Kollek, Bürgermeister von Jerusalem, den Ehrentitel "Verdienter um Jerusalem". 1973 erschienen seinen Memoiren "Auf festem Fuße".3 Am 11. Juli 1979 starb Hermann Zondek im Alter von 91 Jahren in Jerusalem. Der Schreibtisch von Hermann Zondek sowie medizinische Instrumente sind heute im Museum zur Geschichte des Holocaust in Yad Vashem ausgestellt.4
Cousine, Mitarbeiterin, Ehefrau: Gerda Wolfsohn-Zondek
Zondeks erste Frau Elly Lewy (1892-1939) starb nach 20-jähriger Ehe fünf Jahre nach der Flucht. Sie war die Mutter seiner beiden Kinder Brigita Maria Zondek (1921-2002) und Bernard-Binyamin Zondek (1924-1987). 1949 heiratete er seine Cousine Gerda Wolfsohn (1907-2003), nun Wolfsohn-Zondek. Sie stammte aus dem niederschlesischen Landeshut (heute Kamienna Góraals/Polen) und war die Tochter des jüdischen Kaufmanns Harry Wolfsohn. Sie studierte Medizin in Königsberg, Freiburg, Breslau, Kiel und Berlin, wo sie 1933 ihr Staatsexamen ablegte. Ihr praktisches Jahr absolvierte sie bei Emil Krückmann, Direktor der Universitätsaugenklinik in Berlin, und dessen Nachfolger Walter Löhlein, Hitlers Augenarzt. Anschließend arbeitete sie am Berliner Gemeindekrankenhauses der Adass Jisroel, dem Israelitischen Krankenheim Elsässer Straße (heute Ecke Torstraße/Ackerstraße). Eine Zeitzeugenaussage Gerda Wolfsohns über jene Zeit ist filmisch dokumentiert.5 1935 wurde Gerda Wolfsohn mit der Arbeit „Ein Fall von Menstruationsbeschwerden auf Grund von Disharmonie im vegetativen Nervensystem“ promoviert. Die Promotionsurkunde aber wurde ihr verweigert; die Humboldt-Universität zu Berlin verlieh sie ihr erst im Jahr 2001. In dieser Verfolgungslage besorgte ihr Hermann Zondek am Bikur Cholim Hospital in Jerusalem eine Stelle. Wolfsohn emigrierte 1935 über Frankreich nach Palästina und forschte nach der Überwindung einiger Schwierigkeiten fortan gemeinsam mit seinem Cousin zu endokrinologischen Fragen. Seine Memoiren widmete Hermann Zondek seiner "treuen Lebenskameradin Gerda".6
Fachgebiet Endokrinologie
In wissenschaftlicher Hinsicht hat sich Zondek vor allem um die Endokrinologie verdient gemacht. Er gehörte zu den Pionieren des Fachs und war einer der ersten, die die Hypothyreose durch Substitution von Schilddrüsenhormonen behandelten. Darüber hinaus führte er die Gabe von Jod zur Therapie des Morbus Basedow ein. Zudem leistete er wichtige Beiträge zum Verständnis der Funktionsweise der Hormone und insbesondere zur Rolle des Hypothalamus in der Hypothalamus-Hypophysen-Achse. Bereits 1923 beschrieb der den Cushing-Symptomkomplex, allerdings ohne dafür die gleiche Beachtung zu finden wie Harvey Cushing 1932. Nachweislich entdeckte er auch bereits Mitte der 1920er Jahre gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Hans Ucko das Calcitonin, ohne dies allerdings zu publizieren. Weitere zentrale Forschungsbereiche waren zu Beginn seiner Karriere die Nephrologie sowie die Kardiologie, hier insbesondere die Wirkung der Hypothyreose auf den Herzmuskel (Myxödem-Herz). Immer wieder wandte er sich dem Problem der Unterernährung zu, dem er im Ersten Weltkrieg erstmals begegnet war und über das er in der Weltwirtschaftskrise 1932 mit seinem Schüler Hans Wilhelm Bansi (1899-1982) der Hygienekommission des Völkerbunds berichtete.7