Commemoration
&
Remembrance
Unterdrückung

Felix Hirschfeld

born on 09/06/1863 in Militsch (heute Milicz/Polen)
died on 07/16/1938 in Berlin

DGIM Member 1896 – 1924

Felix Hirschfeld kam im niederschlesischen Militsch (heute Milicz/Polen) als Sohn von Julius Hirschfeld und seiner Frau Johanna Loewe zur Welt. Der 1831 geborene Vater Julius stammte ebenfalls aus Militsch und starb, als Felix etwa 11 Jahre alt war. Felix lebte fortan mit seiner 1835 in Ratibor (heute Racibórz/Polen) geborenen Mutter – sie starb 86-jährig 1922 in Berlin – und seinem jüngeren Bruder Eugen (1866–1946) zusammen. Eugen wanderte 1889 nach Australien aus, wo er als Arzt und Politiker wirkte.1

Nach dem Abitur nahm Felix Hirschfeld ein Studium der Medizin auf, das ihn nach Würzburg, Berlin und Breslau führte. Einer seiner frühen Lehrer an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität war der physiologische Chemiker Ernst Leopold Salkowski (1844-1923).2

1886 wurde Hirschfeld promoviert. In den Folgejahren trat er als Mitarbeiter des Chemischen Laboratoriums des Pathologischen Instituts an der Berliner Universität mit mehreren Publikationen insbesondere zum Eiweißstoffwechsel hervor.3

Von 1889 bis 1894 war Hirschfeld am Berliner Krankenhaus Moabit tätig. Als das von Robert Koch entwickelte Tuberkulin 1890/91 als vermeintliches Heilmittel gegen Tuberkulose in die Klinik eingeführt wurde, stand Hirschfeld mit Koch und dessen Mitarbeiter Paul Ehrlich in persönlichem Kontakt.4

Arzt, Forscher und Hochschullehrer

Seine eigenen Forschungen, die 1892/93 zu Habilitation und Privatdozentur an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität führten, wandten sich auf der Basis der Moabiter Erfahrungen verstärkt dem Diabetes und der Krankenernährung zu. Über das Coma diabeticum sprach er 1895 vor dem Verein für innere Medicin in Berlin.5

Hirschfeld Forschungsinteressen schlugen sich auf seine Tätigkeit als niedergelassener Internist nieder, auf die er sich ab 1894 konzentrierte. Seine Publikationstätigkeit hielt derweil an. 1897 erschien seine Monografie über spezifische Ernährungskuren.6 Es folgten weitere Beiträge zur Ernährung und zum Diabetes, unter anderem in dem sozialhygienischen Grundlagenwerk „Krankheit und soziale Lage“ von Max Mosse und Gustav Tugendreich.7

Von 1896 bis 1924 Mitglied der DGIM nahm er regelmäßig an deren Wiesbadener Kongress teil. Auf dem 16. Kongress 1898 trug er über den Diabetes vor, vier Jahre später über Magenkrebs.8 Zudem war er von 1895 bis mindestens 1931 Mitglied der Berliner Medizinischen Gesellschaft.9 1922 sprach er vor dem Verein für innere Medizin und Kinderheilkunde zu Berlin zu „Ueberlastungssymptome[n] der erkrankten Nieren“.10

In den Suizid getrieben

Auf der Grundlage seiner Leistungen in Forschung und Lehre wurde Hirschfeld 1921 zum außerordentlichen Professor für Innere Medizin ernannt. Nach mehr als drei Jahrzehnten universitärer Lehre und kurz nach seinem 70. Geburtstag aber wurde ihm am 14. September 1933 aufgrund von § 3 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wegen seiner jüdischen Herkunft die Lehrbefugnis entzogen. In Anbetracht der immer zahlreicher werdenden Demütigungen unternahm Hirschfeld mit Morphium einen Suizidversuch. Er wurde in die Charité gebracht, wo er am 16. Juli 1938 starb.11

Felix Hirschfeld hinterließ seine aus dem oberschlesischen Nakel (heute Nakło/Polen) stammende Ehefrau Grete (Margarete) Rebecca Baerwald, die er 1898 geheiratet hatte, und den 1899 geborenen Sohn Walter. Dieser war als Arzt 1934 in die USA emigriert und ist 1997 hochbetagt in Woburn nahe Boston gestorben. Felix Hirschfelds Witwe Grete und seine Schwägerin Else Esther Wiesenthal sind höchstwahrscheinlich in der Shoah ermordet worden. Die beiden Zwillingsschwestern wurden mit dem sogenannten 12. Osttransport am 3. April 1942 von Berlin in das Warschauer Ghetto deportiert. Dort verliert sich ihre Spur.12  

In einem Nachruf, der 7. August 1938 in der C.V.-Zeitung, dem Organ des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, erschien, heißt es über Felix Hirschfeld: „Er war ein bedeutender Forscher. Sein Buch über Diabetes erregte seinerzeit großes Aufsehen. Bahnbrechende, neue Ideen brachte er darin zum Ausdruck. Das Wort „Unterernährung“ stammt von ihm. Die Behandlung des Diabetes wurde durch die Entdeckung des Insulins mit der Zeit zwar erweitert, aber das Grundlegende der wissenschaftlichen Anschauung dieses Leidens blieb. Daher wird auch der Name Felix Hirschfeld bleiben. Hirschfeld war eine richtige Gelehrtennatur: ein einfacher, bescheidener Mann, von hohem Idealismus erfüllt. Alles Enge, Kleinliche und das auf den Schein Begründete lag ihm fern. Ihm galt nur der geistige Mensch. Der Zeit mit ihren Wirren und Stürmen stand er verständnislos gegenüber. An ihr zerbrach auch sein edles Wesen.“13

Stolpersteinverlegung 2024

Die junge Familie von Felix Hirschfeld hatte zunächst im Berliner Tiergartenviertel in der Magdeburger Straße 21 (heute Kluckstraße) gewohnt. Im Jahr 1905 ist im Berliner Adressbuch die Adresse Genthiner Straße 40 vermerkt, im Jahr 1910 die Adresse Von-der-Heydt-Straße 13. Spätestens seit 1915 wohnte die Familie in der Kurfürstenstraße 106, ein letzter Umzug erfolgte 1932/23. Die Adresse lautete fortan Bamberger Straße 17. Dort wurden am 5. März 2024 „Stolpersteine“ zur Erinnerung an Felix Hirschfeld, seine Frau und seine Schwägerin verlegt.14


References

Vgl. ancestry.com.Auskunft Dr. Benjamin Kuntz, Museum im RKI, Berlin. – Ohne die dankenswerterweise von Dr. Benjamin Kuntz, dem Leiter des Museums im Robert Koch-Institut, zur Verfügung gestellten Forschungsergebnisse wäre dieses Biogramm nicht zustande gekommen.Felix Hirschfeld, Untersuchungen über den Eiweissbedarf des Menschen, in: Pflügers Archiv für Physiologie 41 (1887), S. 533–565; Felix Hirschfeld, Beiträge zur Ernährungslehre des Menschen, in: Archiv für pathologische Anatomie 114 (1888), S. 301–340; Felix Hirschfeld, Betrachtungen über die Voit'sche Lehre von dem Eiweissbedarf des Menschen, in: Pflügers Archiv für Physiologie. 44 (1889), S. 428–468; Felix Hirschfeld, Ueber den Einfluss erhöhter Muskelthätigkeit auf den Eiweissstoffwechsel des Menschen, in: Archiv für pathologische Anatomie 121 (1890), S. 501–512.Auskunft Dr. Benjamin Kuntz, Museum im RKI, Berlin.Felix Hirschfeld, Beobachtungen über die Acetonurie und das Coma diabeticum, in: Zeitschrift für klinische Medizin 28 (1895), S. 176; Felix Hirschfeld, Ueber das Coma diabeticum, in: Deutsche Medizinische Wochenschrift 21 (1895), S. 413-416.Felix Hirschfeld, Die Anwendung der Ueberernährung (Mastkur) und Unterernährung (Entfettungskur), Frankfurt am Main 1897.Felix Hirschfeld, Nahrungsmittel und Ernährung der Gesunden und Kranken, Berlin 1900; Felix Hirschfeld, „Die Zuckerkrankheit“, Leipzig 1902; Felix Hirschfeld, Die Ernährung in ihrem Einfluss auf Krankheit und Sterblichkeit, in: Max Mosse/Gustav Tugendreich (Hg.), Krankheit und soziale Lage, München 1912/13, S. 121-153.Felix Hirschfeld, Beiträge zur Lehre vom Diabetes, in: Verhandlungen des Congresses für Innere Medicin 16 (1898), S. 108-112; Felix Hirschfeld, Die Beziehungen zwischen Magengeschwür und Magenkrebs, in: Verhandlungen des Congresses für Innere Medicin 20 (1902), S. 279-288.Auskunft Dr. Benjamin Kuntz, Museum im RKI, Berlin.Felix Hirschfeld, Ueberlastungssymptome der erkrankten Nieren, in: Deutsche Medizinische Wochenschrift 48 (1922), S. 1411-1413.Auskunft Dr. Benjamin Kuntz, Museum im RKI, Berlin; vgl. ancestry.com.Auskunft Dr. Benjamin Kuntz, Museum im RKI, Berlin; vgl. ancestry.com.Auskunft Dr. Benjamin Kuntz, Museum im RKI, Berlin.Vgl. nachrichten.idw-online.de/2024/03/05/langjaehriges-dgim-mitglied-felix-hirschfeld-mit-stolperstein-gewuerdigt.

© Copyright
Der Eintrag im Sterberegister (Standesamt Berlin-Mitte) dokumentiert den Suizid von Felix Hirschfeld.
© Copyright
Am 21. Juli 1938 erschien in der noch nicht verbotenen jüdischen CV-Zeitung eine Anzeige, die den Tod von Felix Hirschfeld bekannt machte.
© Copyright
Im Geburtsregister des Standesamts Berlin III ist 1899 die Geburt von Sohn Walter Ludwig Julius dokumentiert. Er wurde ebenfalls Arzt und emigrierte 1934 in die USA.
© Copyright
Ausschnitt aus dem Berliner Adressbuch von 1920.
© Copyright
Dieser Nachruf, offenbar von einem Kollegen verfasst, erschien am 7. August 1938 in der noch nicht verbotenen jüdischen "CV-Zeitung. Blätter für Deutschtum und Judentum. Organ des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. V. Allgemeine Zeitung des Judentums". Sie musste noch 1938 eingestellt werden.
© Copyright
Am 5. März 2024 wurden in Berlin vor dem Haus Bamberger Straße 17 Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig im Gedenken an Felix Hirschfeld, seine Ehefrau Grete und seine Schwägerin Else Esther Wiesenthal verlegt. Die von der DGIM unterstützte Initiative hierzu kam von Dr. Benjamin Kuntz, Leiter des Museums im Robert-Koch-Institut.
© Copyright
Stolpersteinverlegung am 5. März 2024 in Berlin vor dem Haus Bamberger Straße 17. V.l.n.r.: Dr. Benjamin Kuntz, Leiter des Museums im Robert-Koch-Institut; Tom Hirschfeld, Enkel von Felix Hirschfeld; Karen Hirschfeld, Urenkelin von Felix Hirschfeld; Prof. Dr. Ulrich R. Fölsch, ehemaliger Generalsekretär der DGIM.

We use cookies on your browser to optimize the functionality of our website and to offer personalized advertising to visitors. Please confirm the selection of cookies to go directly to the website. For more information, please see Privacy. There you can also change your cookie settings at any time.

Infos
Infos
Mehr Info