Gedenken
&
Erinnern
Emigration

Rahel Hirsch

geb. 15.09.1870 Frankfurt am Main
gest. 08.10.1953 London

Mitglied der DGIM 1913 bis 1932

 

Rahel Hirsch wurde als sechstes von elf Kindern des Lehrers Mendel Hirsch und seiner Frau Doris in Frankfurt am Main geboren.1 Ihr Vater lehrte an der Realschule und Höheren Töchterschule der Israelitischen Kultusgemeinde in Frankfurt. Ihr Großvater, der Reform-Rabbiner Samson Raphael Hirsch, gehörte zu den Begründern der Neo-Orthodoxie, die orthodoxes Leben und Teilhabe an der nicht-jüdischen Umwelt in Einklang brachte.

Lehrerin und Ärztin

Rahel Hirsch besuchte die Schule, an der ihr Vater als Lehrer tätig war, und schloss ein Studium am Lehrerinnenseminar in Wiesbaden erfolgreich ab. Sie unterrichtete kurze Zeit an ihrer alten Schule, nahm aber 1898 ein Medizinstudium in Zürich auf und erwarb das schweizerische Maturiat (1899). In Deutschland wäre dies für sie als Frau nicht möglich gewesen. Eine Fortsetzung des Studiums erlaubten aber einige Medizinische Fakultäten. So studierte Rahel Hirsch auch in Leipzig und Straßburg. 1903 wurde sie approbiert, nachdem sie in Straßburg das Staatsexamen abgelegt hatte und mit einer Arbeit über Glykose promoviert worden war.

Unter Friedrich Kraus erhielt sie eine Assistentenstelle an der II. Medizinischen Klinik der Berliner Charité. Hier war sie auch wissenschaftlich tätig. 1906 konnte sie nachweisen, dass großkorpuskuläre Partikel durch die Schleimhaut des Dünndarms dringen und im Harn ausgeschieden werden können.2 Bei einem Vortrag über diesen später „Hirsch-Effekt“ genannten Vorgang erntete sie vor der „Gesellschaft der Ärzte der Charité“ im November 1907 Spott und Hohn.3 Erst 1957 wurden ihre Experimente von Gerhard Volkheimer wiederholt und bestätigt.4

Erste Professorin Preußens

1908 wurde Hirsch mit der Leitung der Poliklinik der II. Medizinischen Klinik der Charité betraut. Obwohl sie sich als Frau nicht habilitieren konnte, wurde ihr 1913 als dritter Frau in Deutschland und erster Frau in Preußen der Professorentitel verliehen. 1919 schied sie aus der Charité aus und ließ sich als Ärztin für Innere Erkrankungen nieder. Sie praktizierte zunächst am Schöneberger Ufer 31, dann in der Königin-Augusta-Straße 22, seit 1928 am Kurfürstendamm 220. In ihrer mit modernen Röntgen-Geräten ausgestatten letzten Praxis nutze sie verstärkt die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten der Strahlentherapie.

Armut und Krankheit in London

Die Nationalsozialisten entzogen ihr im April 1933 die Kassenzulassung, im April 1934 auch die Berechtigung, privat versicherte Patientinnen und Patienten zu behandeln.5 Im September 1938 wurde ihr die Approbation aberkannt.

Rahel Hirsch entschied sich zur Flucht aus Deutschland und emigrierte Anfang Oktober 1938 nach London. 68 Jahre alt, verzichtete sie auf die englische Approbation (diese hätte ein neuerliches Studium und Examina erfordert), sondern arbeitete als Laborassistentin und Übersetzerin. Sie geriet in finanzielle Bedrängnis und war auf die Unterstützung von Wohltätigkeitsorganisationen angewiesen. Sie erkrankte psychisch und wurde wiederholt stationär behandelt. Sie starb im Alter von 83 Jahren.

Rahel Hirsch war nie verheiratet und hatte keine Kinder. Gesundheitspolitisch engagierte sie sich vor allem für Frauen. Sie setzte sich für eine geschlechtsspezifische gesundheitliche Beratung ein und plädierte für die Überwindung überkommener Rollenbilder. So sprach sie sich für bequeme Kleidung und sportliche Aktivität, gerade auch nach der Schwangerschaft, aus. Zu dieser Thematik veröffentlichte sie ihr Buch „Körperkultur der Frau“.6 Daneben erschienen zahlreiche weitere wissenschaftliche Werke, vor allem zur Nierenphysiologie.

Seit 1995 steht eine Bronzeplastik von ihr auf dem Gelände der Berliner Charité. Am Kurfürstendamm 220 erinnert eine Gedenktafel an sie, in Berlin-Moabit ist eine Straße nach ihr benannt. Seit 2015 trägt ein Berliner Oberstufenzentrum ihren Namen.7

 


Quellennachweise

1 Zur Biographie vgl. u.a. Gerhard Volkheimer, Rahel Hirsch, in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 209 f. (https://www.deutsche-biographie.de/pnd120141957.html#ndbcontent, einges. 15.1.2020); https://denkmaeler.charite.de/hirsch/person.html, einges. 15.1.2020; Hedvah Ben Zev, Rahel Hirsch. Preussens erste Medizinprofessorin, o.O. 2005 (= Jüdische Miniaturen, Bd. 24); Sonja Chevallier, Fräulein Professor: Lebensspuren der Ärztin Rahel Hirsch 1870–1953, Düsseldorf 1998; Wolfgang U. Eckart, Hirsch, Rahel, in: Wolfgang U. Eckart/Christoph Gradmann (Hg.), Ärztelexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, 3. Aufl. Heidelberg/Berlin/New York 2006, S. 170–171.

2 Rahel Hirsch, Ueber das Vorkommen von Stärkekörnern im Blut und Urin, in: Zeitschrift für experimentelle Pathologie und Therapie 3 (1906), S. 390–392.

3 Vgl. Eva-Bettina Bröcker, Frau Doktor - und was dann? Festvortrag zur Promotionsfeier der Medizinischen Fakultät am 16. Mai 2003 in der Neubaukirche der Universität Würzburg, in: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 23 (2004), S. 589–592, S. 589.

4 Gerhard Volkheimer, Der Uebergang kleiner fester Theilchen aus dem Darmcanal in den Milchsaft und das Blut, in: Wiener Medizinische Wochenschrift 114 (1964), Nr. 51/52; Gerhard Volkheimer u. a., Über bemerkenswerte Eliminationsfähigkeiten der glomerulären Gefäße, in: Das Deutsche Gesundheitswesen 20 (1964), H. 1; J. Kohn, L'effet Hirsch, in: amif, Revue de l'Association des Médecins Israélites de France 16 (1967).

5 Vgl. Stephan Leibfried/Florian Tennstedt (Hg.), Berufsverbote und Sozialpolitik 1933. Die Auswirkungen der nationalsozialistischen Machtergreifung auf die Krankenkassenverwaltung und die Kassenärzte, Bremen 1982, S. 257.

6 Vgl. Rahel Hirsch, Körperkultur der Frau, Wien 1913.

7 Vgl. https://www.rahel-hirsch-schule.de/schule/rahel-hirsch/, einges. 16.1.2020.

Wir verwenden Cookies auf Ihrem Browser, um die Funktionalität unserer Webseite zu optimieren und den Besuchern personalisierte Werbung anbieten zu können. Bitte bestätigen Sie die Auswahl der Cookies um direkt zu der Webseite zu gelangen. Weitere Informationen finden Sie unter Datenschutz. Dort können Sie auch jederzeit Ihre Cookie-Einstellungen ändern.

Infos
Infos
Mehr Info